"Wiener Zeitung": (pat) Was halten Sie grundsätzlich von Self-Publishing-Plattformen? Liegen darin ungeahnte Potenziale und Selbstbestimmungsmodelle für Autoren oder ist dies nur eine weitere Methode, um die schreibende Zunft auszuschlachten?

Gerhard Ruiss: Grundsätzlich unterscheidet sich der digitale Eigenverlag vom gedruckten Eigenverlag nicht. Da wie dort muss ich mich als Eigenverleger um die Positionierung meines Buchs und um den Verkauf kümmern. Etwas anderes sind Selbstzahlerverlage, die sich als Eigenverlegerplattform oder Online-Verlag tarnen, um für ihre Dienste bei Autoren abzukassieren.

Unter allen Publishing-Plattformen ist Amazon wohl die größte, was halten Sie davon, wenn der Online-Supermarkt den angestammten Verlagen Konkurrenz macht?

Amazon macht den Eigenverlegern etwas vor. Amazon simuliert eine Verlagsparellelwelt, die nicht besteht. Wer bei Amazon selbst verlegt, kann nur auf die Leistungen von Amazon zurückgreifen. Amazon stellt die eigene Infrastruktur zur Verfügung, das ist alles. Selbstverlegte Bücher bei Amazon spielen nirgendwo in der sonstigen Buchwelt eine Rolle.

Amazon-Publishing überlässt den Autoren derzeit 70 Prozent des Buchpreises, wenn sie ein E-Book für den Kindle im Selbstverlag publizieren, keine schlechte Marge. Liegen darin auch Möglichkeiten für die Branche?

Anbieter wie Amazon beschränken sich in ihrem Anteil auf die Buchhandelsspanne. Sie tun ja auch sonst nichts für ein Buch, sie haben es im Angebot, alles andere ist dem Selbstorganisationstalent der Autoren überlassen, inklusive Lektorat, Lesereisen, Besprechungen und Rechtemanagement, Leistungen, die ich auch zukaufen kann, die aber Geld kosten und weit über das Bedürfnis hinausgehen, endlich einmal etwas von sich veröffentlicht zu sehen.

Würden Sie jungen Autoren, die keinen Verlag finden, Online-Self-Publishing empfehlen?

Als Notlösung würde ich das niemandem empfehlen, weil man ohne professionelles Management auch im Netz nicht besonders weit kommt und nur irgendwo irgendwie aufzuscheinen auf Dauer genauso unbefriedigend ist.

Kennen Sie Autoren, die sich selbst über Online-Portale verlegen?

Natürlich, Autoren, die damit Erfolg haben, habe ich bis jetzt allerdings keine kennengelernt.

Denken Sie, dass eine Interessenvertretung wie die IG Autoren in Zukunft sich auch um die Anliegen der Online-Self-Publishing-Autoren kümmern wird?

Wir kümmern uns jetzt schon darum, es ist aber nicht besonders häufig der Fall. Ich würde sagen, über ein Versuchsstadium hinausgekommen ist das Online-Self-Publishing bisher nicht.

E-Book oder gedrucktes Buch - wie halten Sie’s persönlich?

Als Autor und als Leser habe ich bis jetzt überhaupt kein Interesse am E-Book. Wenn ich dann noch in Kauf nehmen soll, dass Amazon mein Leseverhalten überwacht, wenn ich dort Kunde bin, vergeht mir schon von vornherein jede Lust.

Wie schätzen Sie die Zukunft des E-Books und damit auch des Online-Self-Publishings ein?

Die Prognosen, wann das E-Book wie kommt, werden seit 20 Jahren ständig revidiert und es ist bis jetzt nicht klar, ob E-Reader mehr als eine Nischenfunktion haben können. Dazu kommt, dass es bis jetzt keine verlässlich ökonomisch erfolgsversprechenden Geschäftsmodelle für die Herstellung und den Verkauf von E-Books gibt. Online zu publizieren wird eine Spielart sein wie Books on Demand, zu natürlich anderen Verbreitungsbedingungen, aber ohne dabei andere Publikationsmöglichkeiten abzulösen. Wenn der PR- und Werbeaufwand für ein Produkt ein Signal für seine Karrierechancen ist, dann stehen die Zeichen für das E-Book inzwischen eher schlecht.