Er ist schon seit ewigen Zeiten eine Größe im Literaturbetrieb, doch der ganz große Durchbruch blieb dem 61-jährigen Klaus Modick bisher verwehrt.

Dabei versteht es der gebürtige Oldenburger vorzüglich, sich ernsten Themen in einem unangestrengten Plauderton zu widmen. Modick bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen E- und U-Literatur, eine "Mischung", die im anglophonen Sprachraum salonfähig ist, in der deutschsprachigen Literaturszene aber immer noch ein Naserümpfen auslöst.

In seinem dreizehnten Roman nimmt uns Modick mit auf eine Zeitreise in die frühen 1960er Jahre. Sein Ich-Erzähler Markus ist 14 Jahre alt, als er auf dem Dachboden eine alte "Agfa Clack" findet: "einlinsiges Objektiv, Rollfilm, Format 6 x 9". Fortan dokumentiert er alles, was ihm vor die Linse kommt - Opas Beerdigung, die Eisdiele in der Nachbarschaft und vieles mehr. Mit jedem "Klack" des Auslösers wird ein Stück Gegenwart eingefroren.

Es ist eine Zeit der gewaltigen Zäsuren: vom Mauerbau bis zur Kubakrise, von der Eichmann-Verhaftung bis zur Veröffentlichung der "Blechtrommel", die damals als Pornografie gegeißelt wurde. Doch nicht nur die Welt, die Modick in die norddeutsche Kleinstadt einfließen lässt, befindet sich im Umbruch - auch Markus‘ eigenes Leben verändert sich rasant. Der Apothekersohn lernt nämlich Clarissa Tinotti kennen, ein bildhübsches Mädchen aus Apulien, dessen Vater eine Eisdiele eröffnet hat.

Und damit befinden wir uns mitten im prallen Leben - zwischen ersten pubertären Wirrungen und detailreicher Erinnerungsreise in das Wirtschaftswunder-Deutschland. Modick baut alte Schlager, Werbeslogans und immer wieder Nachrichtenmosaike in seine Handlung ein. So entsteht ein facettenreiches Soziogramm der 1960er Jahre, das uns Einblick in das Denken der einfachen Leute gewährt, das uns den Zeitgeist atmen lässt, der noch immer von der NS-Zeit geprägt ist. Wir erleben, wie "aufgestandene" Kriegsverlierer die Fußballweltmeisterschaft 1954 als große Wende im eigenen Selbstwertgefühl erfahren. Nicht nur für die Vertriebenenverbände sind die Ostgebiete weiterhin deutsch, und der Alltagsrassismus macht auch vor Markus’ Familie nicht halt. Seine strenge Oma sagt ganz offen, dass sie die "Spaghettifresser" nicht mag.

Modicks Geschichte wirkt unendlich weit weg, das Leben erscheint in leicht eingetrübtem Sepiaton. Die Tanzstunde war ein bahnbrechendes Ereignis, die Raupenfahrt auf der Kirmes sorgte für erhöhten Blutdruck. Man atmet als Leser förmlich die etwas muffige Luft dieser Epoche ein.

"Ich bin nicht mit dem Erzähler identisch, der ist ja auch fünf Jahre älter als ich. Ich brauchte für die Geschichte einen Jugendlichen, der in der Pubertät ist, weil ich eine Pubertätsgeschichte erzählen wollte, und einen, der die Zeitsituation besser durchschaut als ich als Zehnjähriger", hatte Klaus Modick in einem Interview erklärt. Unabhängig von der Frage nach dem autobiografischen Anteil hat Modick diese Geschichte mit reichlich Herzblut und viel Liebe zu seinen Figuren erzählt. Hier gibt es kein besserwisserisches Moralisieren und keine Noten für political correctness. Da stehen die Ewiggestrigen unkommentiert neben der arroganten Schwester und der autoritären Lehrerschaft. Der Roman "Klack" liefert ein authentisches Zeitpanorama, einen erzählerischen Rückblick ohne jeden Zorn und wunderbar leicht erzählt.

Dass dieses Buch ganz stark an die Werke von Walter Kempowski erinnert, ist gewiss kein Zufall, denn beide Autoren schätzten einander sehr. Jetzt wünschen wir Klaus Modick (ganz ungeniert) eine ähnlich große Leserschaft. Verdient hätte er sie längst.