Wer über die Liebe schreibt, noch dazu über die außergewöhnliche, die quasi mystische, kann fast nur scheitern. Denn wie nähert man sich dem Thema an, das zur Domäne eines "Bergdoktors" und einer Rosamunde Pilcher gehört, die sich freilich - einmaliger Startvorteil - hemmungslos der kitschigen Gefühligkeit bedienen dürfen? Der anspruchsvolleren Literatur ist diese Abkürzung versagt; sie muss sich eigene Wege zum Unsagbaren einer großen Liebe bahnen.

Clemens Berger. - © Foto: Marko Lipus
Clemens Berger. - © Foto: Marko Lipus

Clemens Berger, der 2010 den schillernden Roman "Das Streichel institut" vorlegte, nähert sich dem Thema in seiner Novelle "Ein Versprechen von Gegenwart", indem er nicht die Beteiligten des Liebesglücks selbst sprechen lässt, sondern den Kellner des Lokals, in das diese nach ihren spätabendlichen Schäferstunden kommen - "Ausnahmeerscheinungen nach dem Ausnahmezustand". Sie: das ist die aus Russland stammende Sexbombe Irina, genannt die Wildkatze; und Er: ein Theatermensch, den man unter dem Spitznamen Löwe kennenlernt.

Und da haben wir auch schon eines der Probleme dieser Novelle: Während Berger das Alphamännchen, zu dem man sich leicht einen selbstverliebten Talkshowpromi vorstellen kann, mit wenigen Zuschreibungen bedenkt, stattet er die Wildkatze allzu üppig mit Klischees aus: rotes Kleid, große, "gemachte" Brüste, freizügiges Dekolleté und Stiefel, die bis zu den Knien reichen. So landet man schnell bei einer abgewetzten Männerfantasie. "Bei der Sicherheitskontrolle beobachteten neun von zehn Männern Irina beim Abnehmen ihres Gürtels, es piepte, als sie klackend durch die Schleuse schritt, neun von zehn Männern hätten am liebsten mit der Beamtin getauscht, die Irina abtastete."

Lange Zeit weiß man nicht, ob es sich bei Irina um eine Edelprostituierte handelt, doch dann erfährt man, dass sie eine Geschäftsfrau ist, Mutter eines Sohnes und mit einem russischen Macher verheiratet. Der Löwe ist lediglich ihr Gespiele. Doch aus dem Seitensprung wird echte Leidenschaft, und aus der Leidenschaft etwas, das Clemens Berger seinen Ich-Erzähler, den Kellner, auf 157 Seiten umkreisen und das Bild einer perfekten Beziehung entwerfen lässt. Diese funktioniert freilich nur als Affäre abseits des Alltags, in der "zweiten Welt", wie Berger es nennt: "Für mich zählt die zweite Welt, welche die erste in Stillstand versetzt, zumindest für eine kurze Zeit, wenn das Gehirn auf Urlaub, der Baum vor dem Fenster ein Baum, die Musik aus den Boxen Musik, der nächste Tag der nächste Tag ist, wenn man anders spricht, dem anderen näher ist - oder beinahe so weit entfernt wie davor."

Dienerfiguren wie der Kellner sind literarisch eher ein Fall von Komödien, wo sie meist als tollpatschige Assistenten der Helden fungieren. Im "Versprechen von Gegenwart" ist dem Kellner eine sanft melancholische Rolle zugewiesen, die dem Erzähler-Ich erlaubt, den Objekten des Interesses auf distanzierte Weise nahe zu rücken. Denn Löwe und Wildkatze erscheinen eine Zeitlang jede Nacht im Lokal, haben ihren Stammplatz, und veranlassen den Kellner, über die Art ihrer Beziehung zu sinnieren.

Zu dieser Erzählebene des empathischen Beobachters gesellt sich eine zweite, im Buch kursiv gesetzte, die in Du-Form gehalten ist und die Sichtweise des Löwen wiedergibt. Hier wird von einem gemeinsam verbrachten Wochenende berichtet - dem einzigen seiner Art - und vom Weg, den die sexuell motivierte Affäre zu einer intimen Annäherung zweier Menschen im Windschatten des Alltags genommen hat. Die erotischen Details haben Rezensenten dazu verleitet, den Pornografieverdacht zu äußern. Doch was ist Pornografie auf einer symbolischen Ebene viel anderes als der glücklose Versuch, die existenzielle Distanz zwischen zwei Individuen zu überbrücken? Müßig anzumerken, dass dieses Kunststück auch den Helden von Clemens Bergers Novelle nicht gelingt.

Über die Liebe zu schreiben, ist eine Gratwanderung. Bei Berger mitunter ein Gang im Nebel. So sehr er versucht, mit seiner nachdenklich-ernsten Sprache, wo jeder Anflug von Heiterkeit wie ein Ausrutscher erscheint, den Zustand der Nähe zu beschreiben, so wenig will sich eine wirkliche Annäherung an Thema und Motiv des Buches einstellen. Zum einen bleiben die Figuren trotz aller Umkreisungen klischeehaft-ungreifbar, zum anderen wirkt der fortwährende Wechsel zwischen dem Erzähler-Ich des Kellners und dem Erinnerungs-Du des am Ende verlassenen Liebhabers eine Spur zu konstruiert, und das Ziel des Textes bleibt verschwommen.