Nahezu gleichzeitig mit dem Erscheinen des jüngsten Buchs über die Rettung des von den Nazis geraubten oder abgepressten riesigen Kunstschatzes im Altausseer Salzbergwerk im Jahre 1945 platzte nun die "Sensation": 1406 hochwertige Bilder seien in einer Münchner Wohnung gefunden worden, darunter bisher unbekannte Werke von Dix und Chagall. Das Verschwinden des Wohnungsbesitzers, des 79-jährigen Cornelius Gurlitt, trug zusätzlich zur medialen Erregung bei.

Tatsächlich wurde die Sammlung schon 2012 von der Zollfahndung entdeckt, beschlagnahmt und an einen unbekannten Ort verbracht. Internationale Kritiker machen nun Druck, der Fund müsse im Sinne der legitimen Besitzer publiziert werden. Die Behörden wollen davor jedoch die Herkunft der Werke klären. Die Sammlung besteht vermutlich zu einem gewissen Grad aus "entarteter Kunst", die das NS-Regime Museen entzogen hatte, dürfte aber auch von der Enteignung jüdischer Besitzer profitiert haben. Das Konvolut stammt von Cornelius Gurlitts 1956 verstorbenem Vater Hildebrand. Er verkaufte im Dienst der Nazis "Entartetes" ins Ausland und war auch beauftragt, Werke für das geplante Führermuseum in Linz zu beschaffen.

Atemberaubender Wettlauf

Hier schließt sich der Kreis zu Altaussee: Ins dortige Salzbergwerk wurden die von Hitler gehorteten Kunstschätze verbracht, nachdem München wegen der zunehmenden Bombenangriffe zu unsicher geworden war.

In seinem Buch "Mission Michelangelo" schildert Konrad Kramar nicht nur, wie die Ansammlung europäischer Meisterwerke zustande kam, sondern vor allem ihre Rettung vor der Zerstörung durch Nazi-Bonzen, die sich für die absehbare Niederlage mit einer Politik der verbrannten Erde rächen wollten.

Allen voran der auch für das Salzkammergut verantwortliche Gauleiter von Oberdonau, August Eigruber. Er hatte bereits einen Sprengsatz in die Saline bringen lassen, um die Sammlung zu vernichten. Nun entwickelte sich ein atemberaubender Wettlauf zwischen den zur Sprengung anrückenden SS-Einheiten und vor allem den Bergarbeitern, welche die Zerstörung verhindern wollten. Ihnen gelang es in einer lebensgefährlichen Aktion, die wieder geschärften Fliegerbomben-Blindgänger in letzter Minute aus dem Berg zu schaffen, außerhalb zur Explosion zu bringen und den Eingang zum Bergwerk mit einer kontrollierten Sprengung unzugänglich zu machen. Vorrückende US-Truppen konnten so schließlich diesen europäischen Kunstschatz unversehrt sicherstellen.

Der eigentliche Retter der Kunstschätze, der Bergmann Alois Raudaschl, wird wegen seiner NS-Mitgliedschaft aus dem Kreis der selbst ernannten "Freiheitskämpfer von Altaussee" ausgeschlossen und muss Teile seiner angeblich zu Unrecht bezogenen Pension zurückzahlen.

Angebliche Retter

Andererseits machen jene zumindest mittelfristig Karriere, die den Amerikanern ihre angebliche Retterrolle weismachen können: Alois Gaiswinkler wird Bezirkshauptmann von Bad Aussee und schon 1945Nationalratsabgeordneter,ehe seine kriminellen Aktivitäten mit Hilfsgütern und beschlagnahmten Besitztümern von NS-Größen aufgedeckt werden und er 1950 aus der SPÖ ausgeschlossen wird.

Auch der Kunsthistoriker Hermann Michel kann sich den Amerikanern als der Retter der Kunstschätze andienen und die Leitung des Wiener Naturhistorischen Museums übernehmen. Erst als er dem Unterrichtsministerium nach Jahren eine völlig widersprüchliche Darstellung seiner Rettungsaktion liefert, muss er 1952 in Pension gehen.