Die Welt der Literatur trauert um Doris Lessing: Die britische Autorin, die 2007 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde, starb am Sonntag in London.

In der Biografie der Autorin spiegelt sich das versunkene Empire: Geboren wurde sie am 22. Oktober 1919 in Kermanschah (Iran), wo ihr Vater, ein britischer Kolonialoffizier, bei der Imperial Bank of Persia arbeitete. 1925 zog die Familie in die britische Kolonie Südrhodesien (heute Simbabwe) um. Doris Lessing heiratete in zweiter Ehe den deutschen Emigranten Gottfried Lessing, einen Juristen, der in diplomatischen Diensten für die DDR in Afrika tätig war und bei Unruhen in Kampala 1979 einem Anschlag zum Opfer fiel. In der Folge übersiedelte sie nach London. Sie ging keine weitere Ehe ein.

Als Doris Lessing der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, waren die Reaktionen gegensätzlich: Begrüßten die einen die Preisvergabe an die Autorin, die im Roman "The Golden Notebook" (Das goldene Notizbuch) ein Hauptwerk des Feminismus verfasst hatte, so meinten andere, eben dieses läge da schon lange, nämlich 45 Jahre, zurück, der Preis käme zur Unzeit.

Vielschichtiges Hauptwerk

Zugleich recht und unrecht hatten beide Seiten: Das auf fünf Ebenen verlaufende Werk, das Fiktion, Autobiografisches und Dokumentation verbindet, um die Wechselspiele von Liebe, Sexualität und Politik zu thematisieren, ist wohl ein Hauptwerk der Autorin, aber keineswegs ihr einziges wesentliches Buch. Zumindest der fünfbändige Science-Fiction-Romanzyklus "Canopus im Argos: Archive" beansprucht ebenso hohen Rang und bedeutet für den Sufismus, dem sich die Autorin zugehörig fühlte, was "The Golden Notebook" für den Feminismus bedeutet hatte.

Andererseits war der Jubel gerade über die Preisvergabe an eine dezidiert linke und dezidiert feministische Autorin auch unrichtig. Wie vom Kommunismus, so distanzierte sie sich auch zunehmend vom Feminismus. 1982 hatte sie sich vom Feminismus in einem Interview mit der "New York Times" abgewandt: "Die Feministinnen verlangen von mir einen religiösen Akt (...). Sie wollen, dass ich Zeugnis ablege. Am liebsten möchten sie, dass ich sage: ‚Ich stehe auf eurer Seite, Schwestern, in eurem Kampf für den goldenen Tag, an dem all die brutalen Männer verschwunden sind.‘"

2001 präzisierte sie im "Guardian": "Es ist Zeit, dass wir uns fragen, wer diese Frauen sind, die fortwährend Männer herabwürdigen. Die dümmste, ungebildetste und widerlichste Frau kann den nettesten, liebenswürdigsten und intelligentesten Mann herabwürdigen und niemand protestiert."

Aber auch der literarische Wert ihrer Arbeiten war nicht unumstritten. Der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki etwa nannte die Entscheidung "bedauerlich", denn die angelsächsische Literatur habe bedeutendere Autoren.

Unbestritten ist hingegen, dass Doris Lessing zu jenen wenigen Autoren gehörte, die das Thema der sozialen Ungerechtigkeit in Afrika dem Leser nahebringen konnten. Vielleicht ist das zu wenig für das Eingehen in die literarische Ewigkeit - doch Stimmen der Gerechtigkeit sollten auch dort nie verhallen.