Christa Chorherr führt aus vielen Ländern Beispiele an, von Marokko bis Indonesien, von Nigeria bis zu den Malediven. In Ägypten, wo zu Beginn des Arabischen Frühlings noch zehn Prozent Christen, vornehmlich Kopten, lebten, gab es brennende Kirchen und Gewalttaten mit vielen Toten. Abfall vom Islam gilt als Hochverrat, darauf steht für Männer der Tod oder eine langjährige Haftstrafe, "Frauen sollten dagegen gemäß der Scharia eingesperrt und regelmäßig geschlagen werden, bis sie den Islam wieder annehmen", schildert Chorherr die Lage. Eine 24-jährige koptische Grundschullehrerin, die angeblich den Propheten Mohammed beleidigt hatte, wurde ohne Beweise suspendiert, verhaftet und zu einer beispiellos hohen Geldstrafe verurteilt. Der Vorwurf von "Blasphemie" reicht in etlichen Staaten, etwa Pakistan, schon aus, um hart gegen unliebsame Christen vorzugehen.

Besonders prekär ist die Lage von Christen im Norden von Nigeria, wo christliche Mädchen zur Heirat mit Muslimen gezwungen werden und die Terrorgruppe "Boko Haram", deren Name "Moderne Erziehung ist Sünde" bedeutet, immer wieder Anschläge verübt, ohne dass der Staat die Christen zu schützen vermag. Tausende Christen wurden bereits getötet, zehntausende aus ihren Häusern vertrieben, und die Gewalt geht unvermindert weiter. In Eritrea versucht man, Christen aktiv durch Haft und Folter zum Übertritt zum Islam zu veranlassen. In Somalia wurde der letzte Bischof 1989 in seiner Kathedrale erschossen, heute gibt es Christen nur noch in winzigen Gruppen im Untergrund.

Die nach Europa drängende Türkei hält das einzige Priesterseminar seit Jahrzehnten geschlossen, das uralte christliche Siedlungsgebiet Tur Abdin haben viele Christen, die dort keine Perspektive mehr sahen, verlassen. Noch viel mehr bedroht sind Christen freilich in Syrien oder im Irak. Obwohl es in Saudi-Arabien Millionen Christen - meist Gastarbeiter aus Südasien - gibt, wird dort jede christliche Praxis - Gottesdienste, Kreuze, Bibelbesitz - unterdrückt.

Woran Reformen scheitern

Christa Chorherr nennt nur wenige Länder mit islamischer Mehrheit, in denen es noch ein relativ gedeihliches Zusammenleben von Muslimen und Christen gibt, nämlich Jordanien, Burkina Faso und vor allem Gambia. Vermutlich fühlen sich auch Muslime in christlichen Ländern unterdrückt, doch das war nicht Chorherrs Thema. Faktum ist aber, dass Muslime in Burma massiv verfolgt und unterdrückt werden, und zwar von Buddhisten, denen man sonst kaum Gewaltbereitschaft nachsagt.

Der Schlüssel zu weniger Gewalt zwischen den Religionen liegt sicher in mehr Demokratie und echtem Minderheitenschutz. Dass Demokratie noch im 19. Jahrhundert auch für viele in der römisch-katholischen Kirche ein rotes Tuch war, hat jüngst der Philosoph Hans Schelkshorn auf einer Tagung in Wien dargelegt. Dort übte der muslimische Geschichtsphilosoph Mohamed Turki Kritik an islamischen Staaten hinsichtlich ihrer Umsetzung der Menschenrechte.

Wieso islamische Länder nicht zu echter Demokratie finden, erklärt der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel Samat in seinem Buch "Krieg oder Frieden - Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens" (2011) so: "Ägypten und alle anderen arabischen Länder stehen am Scheideweg. Entweder man entscheidet sich für eine echte Demokratie und damit auch für eine Gleichberechtigung von Mann und Frau, von Christen, Muslimen, Bahai, Alawiten, Kurden und Areligiösen, oder diese Demokratie wird daran scheitern, dass man die Vergangenheit nicht hinter sich lassen kann. Immer scheiterte die Modernisierung in der arabischen Welt an zwei hohen Mauern: der Stammeskultur und der Religion. Beide Mauern waren der beste Schutz für Diktatoren. Die arabischen Nationen müssen beide Mauern niederreißen oder zumindest einige Durchgänge öffnen."