Abschied österreichischer Soldaten, die im Zug an die Front fahren - für manche ein Abschied für immer. - © Foto: Archiv Hans Magenschab
Abschied österreichischer Soldaten, die im Zug an die Front fahren - für manche ein Abschied für immer. - © Foto: Archiv Hans Magenschab

Unüblicherweise und gegen jede rezensionelle Usance beginne ich die Besprechung dieses repräsentativen Buches mit dem Epilog. Und zwar deshalb, weil dieser ebenso gut ein Prolog sein könnte. Autor Hans Magenschab, promovierter Jurist, renommierter Historiker und Publizist, skizziert in seinem Nachwort im großen Überblick die neuzeitliche Geschichte Europas, in der ein Krieg dem anderen folgte.

Bereits für den griechischen Philosophen Heraklit (nicht Herodot!) war der Krieg "der Vater aller Dinge", und in diesem Satz steckt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Zu allem Überfluss wurde der Krieg seit Homer von vielen bedeutenden Dichtern heroisiert. Umso wichtiger ist es darauf hinzuweisen, und Magenschab tut es im zweiten Teil seines knappen Epilogs, dass die Europäische Union, über die von zahlreichen Medien und Millionen Menschen in ganz Europa (in manchen Fragen ganz zu Recht) so viel gelästert wird, dem europäischen Kontinent (sieht man vom Balkan ab) zum ersten Mal in seiner Geschichte nach 1945 eine fast schon sieben Jahrzehnte währende Friedensepoche beschert hat. Das muss mit Nachdruck, Konsequenz und Nachhaltigkeit kommuniziert werden.

Eindrucksvolles Bildmaterial


Der Meinung des Autors, dass die EU Europa vor einem Dritten Weltkrieg bewahrt hat, kann ich mich allerdings nicht anschließen. Nach seiner Selbstzerfleischung hat sich Good Old Europe bereits 1918 als Machtfaktor von der Weltgeschichte verabschiedet.

Magenschabs jüngstes Buch ist kein Bildband, aber das Bildmaterial sticht mit eindrucksvoller Opulenz zunächst in die Augen. Die Fotos, die der Autor in mühsamer Arbeit zusammengetragen und sorgfältig ausgewählt hat, stammen in der Hauptsache aus Beständen des Österreichischen Kriegsarchivs und aus bislang unbekannter privater Provenienz. Sie sind, wie Magenschab eigens betont, weder nachgestellt oder gar gefälscht. Bilder sind zwar aussagestark - sie sagen sprichwörtlich mehr als tausend Worte -, aber sie werden heute unter Zuhilfenahme modernster technischer Verfahren mehr denn je manipuliert. Und dann lügen sie mehr als tausend Sätze.

Im Wesentlichen handelt es sich im vorliegenden Fall, dem Sujet entsprechend, um teils halb-, ganz- und doppelseitige Fotos von Kampfhandlungen an der Ost- und Südfront, die das Gesicht des Krieges in vielgestaltiger Brutalität widerspiegeln. Aber selbstverständlich begegnet man auch Abbildungen, Plakaten und Karikaturen, die Propaganda- und anderen Zwecken dienten und, last, but not least, sind auch die Porträts der Herrscher, Politiker und militärischen Befehlshaber zu sehen, die die Schrecknisse des Krieges nicht am eigenen Leib zu spüren bekamen.

Der umfangreichen Fotodokumentation gleichwertig zur Seite gestellt sind die Texte des Bandes, die das historische Geschehen klar und einsichtig darstellen.

Angelpunkt Graf Hoyos


Magenschab beschäftigt sich in den ersten fünf Kapiteln seines Buches ausführlich mit der Vorgeschichte des Krieges, schildert dann das folgenschwere Attentat von Sarajewo und anschließend das Kriegsgeschehen. Den Text ergänzen Ausschnitte aus den Werken zeitgenössischer Autoren. In der Kriegsschuldfrage übernimmt er die in der Geschichtswissenschaft heute weitgehend vertretene Meinung, dass die Hauptschuld dem Deutschen Kaiserreich und Österreich-Ungarn anzulasten ist.

Als Dreh- und Angelpunkt der politischen Entscheidungen österreichischerseits macht er Legationsrat Alexander Graf Hoyos dingfest, der Anfang Juli 1914 offenbar mit Zustimmung des Kaisers Gespräche in Berlin führte. Die maßgeblichen Persönlichkeiten entlässt er allerdings nicht aus der Verantwortung. Eine nationalstaatliche Betrachtung dieser heiklen Frage halte ich persönlich für überholt. Der Erste Weltkrieg war aus europäischer Sicht ein Bruderkrieg, eine weltpolitische Katastrophe und eine menschliche Tragödie, bei der die verschiedensten Protagonisten ihre desaströse Rolle spielten.

Sachbuch
Hans Magenschab: Der große Krieg. Österreich im Ersten Weltkrieg 1914-1918. Tyrolia Verlag, 256 Seiten, 39,95 Euro.