In der Nacht vom ersten zum zweiten Oktober 1943 fand in ganz Dänemark eine Razzia der nationalsozialistischen Besatzungsbehörden statt, um die jüdische Bevölkerung des Landes in die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager zu deportieren. Doch das, was im deutschen Einflussbereich in ganz Europa - mit Ausnahme Bulgariens und mit Einschränkungen in Italien - ohne Schwierigkeiten funktioniert hatte, wurde in dem seit April 1940 von Hitlers Truppen besetzten skandinavischen Land zur Pleite. Die Gestapomänner fanden größtenteils leere Wohnungen vor. Der deutsche Diplomat Georg Ferdinand Duckwitz hatte die jüdische Gemeinde gewarnt.

Der in Grönland geborene Diplomat, Politiker, Schriftsteller und Journalist Bo Lidegaard hat in einem spannenden Buch, das sich auf zeitgenössische Akten und auf private Tagebücher von Betroffenen und Beobachtern stützt, die Tage vom 26. September bis zum neunten Oktober 1943 dokumentiert, als der überwiegende Teil der jüdischen Bevölkerung Dänemarks in Schweden Zuflucht gefunden hat. Auch die Vorgeschichte zu diesen dramatischen Tagen wird durchleuchtet.

Nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen im April 1940 hatten die NS-Behörden versucht, mit einer "Strategie der Kooperation" die Lage in Dänemark ruhig zu halten. Während frühere sozialdemokratische Politiker in Deutschland im KZ saßen, waren Sozialdemokraten in führenden Positionen in der dänischen Regierung vertreten. Die Frage der Behandlung der Juden war aber von Anfang an ein Knackpunkt. Im September 1941 hatte der damalige dänische König Christian X. in einem Gespräch mit dem amtierenden Ministerpräsidenten Vilhelm Buhl seiner Sorge über die drohende Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung Ausdruck verliehen. In seinem Tagebuch vermerkte der greise Monarch: "Falls dieses Ansinnen (Die Kenntlichmachung der Juden durch das Tragen eines gelben Sterns, Anm.) vorgebracht wird, ist es die einzige richtige Haltung für uns alle, den Davidstern zu tragen." Daraus entstand der Mythos, der König habe bei seinen Ausritten den gelben Stern auf der Brust getragen. Tatsächlich hat in Dänemark aber nie jemand den Davidstern getragen, auch nicht die Juden selbst.

Die Dänen weigerten sich entschlossen, auch nur einen ihrer jüdischen Bürger an die NS-Behörden auszuliefern und die Besatzungsbehörden hielten sich auch weitgehend zurück, um den Frieden im Land nicht zu gefährden. Den Deutschen war bewusst, dass eine Judenaktion in Dänemark jegliche Kooperation gefährden würde. Erst als es im August 1943 nach Unruhen zur Verhängung des Ausnahmezustands kam und die Regierung zurücktrat, glaubten die NS-Behörden die jüdische Frage mit der Deportation lösen zu können.

Lidegaard beschreibt in seinem ausgezeichnet recherchierten Buch die ambivalente Haltung des deutschen Generalbevollmächtigten Werner Best, der einerseits seine Parteifreunde in Berlin zufriedenstellen, andererseits Dänemark ruhig halten möchte. Die dänische Seite wiederum versucht mit allen Mitteln die Deportation jüdischer Mitbürger zu verhindern und überlegt als Kompromiss sogar deren Internierung.

Um die Dänen zu beruhigen, entlassen die NS-Behörden zur gleichen Zeit, als sie Jagd auf Juden machen, die internierten dänischen Soldaten. Die Dänen lassen sich aber nicht täuschen und in den Tagen nach der Razzia vom ersten Oktober entsteht eine umfangreiche Solidaritätsbewegung. Die jüdische Bevölkerung Dänemarks, die sich schon vor der Razzia versteckt hatte und tagelang zwischen Angst und Hoffnung schwebte, konnte mit Hilfe von Fischern in deren Booten zum überwiegenden Teil nach Schweden entkommen, das ihnen großzügig Hilfe zuteil werden ließ.

Nach den neuesten Forschungsergebnissen gelang 7742 Juden aus Dänemark die Flucht in das Nachbarland, 1376 von ihnen waren zuvor vor den Nazis aus Deutschland geflohen. 472 dänische Juden wurden nach Theresienstadt deportiert. Die Dänen kämpften mit allen Mitteln für ihre Landsleute in den deutschen Konzentrationslagern. 423 der in Theresienstadt internierten dänischen Juden konnten so durch die Vermittlung des Chefs des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, Anfang 1945 nach Verhandlungen mit SS-Chef Heinrich Himmler repatriiert werden.