Kafka, porträtiert vom Comic-Klassiker Robert Crumb. Abb.: Reprodukt
Kafka, porträtiert vom Comic-Klassiker Robert Crumb. Abb.: Reprodukt

"Sind Sie unschuldig?" - "Absolut!" - Seien Sie unbesorgt: "Ich hole Sie heraus." "Welche Art der Befreiung wünschen Sie?" In Franz Kafkas "Der Process" erhält der eines Morgens grundlos Angeklagte Josef K. andauernd Hilfestellungen, Tipps oder Empfehlungen, wie er sich denn am besten verhalten solle. Allein die Greifbarkeit dieser Lösungsvorschläge hat die Qualität von Plakat- oder Fernsehwerbungen, wie wir sie kennen: Entweder sind sie unerreichbar oder sie entziehen sich ständig einer Realisierung. Oder sie sind schlichtweg nichts wert. Der Gerichtsmaler Titorelli beispielsweise führt drei solcher Angebote im Gepäck: die "wirkliche Freisprechung", die "scheinbare Freisprechung" und die "Verschleppung". "Die wirkliche Freisprechung ist natürlich das Beste." Aber sie kommt, laut Titorelli, nie zur Anwendung. Was die beiden anderen Varianten versprechen, scheinen sie allerdings zu halten.

Kafkas Texte, berüchtigt wegen der ihnen zugeschriebenen Komplexität, gehören zu jenen Texten der Weltliteratur, die bis zum Geht-nicht-mehr interpretiert und überinterpretiert worden sind. Ein Umstand, der abschrecken könnte. Umso mehr überraschen die zahlreichen Comicadaptionen, die allein in den letzten Jahren erschienen sind: Neben den Erzählungen "Die Verwandlung" von Corbeyran/Horne und "In der Strafkolonie" von Sylvain Ricard / Maël (beide 2012 auf Deutsch) ist auch "Der Process" als Comic umgesetzt worden und 2013 auf Deutsch erschienen. Gleichfalls in diesem Jahr, zum 130. Geburtstag des Autors, wieder aufgelegt wurde das 1993 erstmals erschienene Comicporträt "Kafka" zu Leben und Werk des Autors.

Kooperationen

Die beiden letztgenannten Comicarbeiten hat der auch als Hörspielautor bekannte amerikanische Comicszenarist David Zane Mairowitz zusammen mit herausragenden Comiczeichnern und -zeichnerinnen angefertigt. Nachdem es ihm vor mittlerweile 20 Jahren gelungen ist, den Star des amerikanischen Underground Comics Robert Crumb für seine "Kafka-Biografie" zu gewinnen, hat er 2008 den "Process" mit der französischen Zeichnerin Chantal Montellier als Comic bearbeitet.

Noch nicht auf Deutsch erschienen ist schließlich seine dritte Comicadaption von Kafkas letztem Romanfragment, "Das Schloss", die Mairowitz mit Jaromír Vejdík, genannt Jaromír 99, arrangiert und in diesem Jahr auf Englisch herausgebracht hat. Der tschechische Musiker und Zeichner ist hierzulande bekannt geworden durch seine Geschichten über Alois Nebel und einen gleichnamigen Comicroman.

Die Idee, Kafka als Comic umzusetzen, scheint zum Scheitern verurteilt. In der Tat gibt es allzu glatte Comicadaptionen, die wenig inspirierend sein mögen. Ein Sakrileg ist es jedoch nicht: Das bescheinigen die Arbeiten von Mairowitz/ Crumb, Montellier und Jaromír 99 auf glaubwürdige und abwechslungsreiche Weise.

Bereits mit den ersten Zeichnungen zieht Crumb in "Kafka", den Leser/Betrachter schlagartig in den Bann. Ein breites "Selchermesser" saust auf den Kopf eines Mannes, unschwer als Kafka zu erkennen, ein und beginnt ihn in Scheiben zu schneiden. Oder: An einem Strick wird ein Mann durch das Parterrefenster gezogen und "blutend und zerfetzt, durch alle Zimmerdecken, Möbel, Mauern und Dachböden hinaufgerissen", bis oben nur noch "die leere Schlinge" erscheint. Expressiv, abgründig, dramatisch, ohne sich im rein Sichtbaren zu erschöpfen, vermögen Crumbs Zeichnungen die Bilderkraft von Kafkas Tagebuchnotizen hervorzuheben.

Nach Mairowitz steckt die besondere Fähigkeit Kafkas darin, die erlebte Gewalt (und sei es nur die sprachliche) in Form von literarischen Bildern und Geschichten wiederkehren zu lassen. Die väterliche Drohung: "Ich werde Dich wie einen Käfer zertreten!" erscheint als Verwandlung in einen Käfer, dem der Vater am Ende den Todesstoß versetzt.

Ein weiteres grundlegendes Motiv aus Mairowitz’ Comicbiografie klingt zugleich an: Leben und Werk Kafkas bilden eine Einheit. Nicht allein in diesem Punkt treffen sich Mairowitz und Crumb, der sich selbst als Kafkas "Bruder im Geiste" bezeichnet: "Kafkas Themen wie der Selbsthass, seine Beziehung zu Frauen, die Schuldfrage sind auch meine."

Dass die von Reprodukt gestaltete Neuausgabe den Titel "Kafka" trägt, nicht mehr den Zusatz "Kurz und Knapp" wie die erste auf Deutsch erschienene Ausgabe von 1995, befreit das Buch zu Recht vom Geschmack des billigen Reisetaschenbuchs oder eines "Kafka for Beginners", wie der Titel der englischen Originalausgabe lautete. Denn wiewohl es sich hierbei um eine Einführung handelt, so allerdings um eine im innigsten Sinne des Wortes. Im Mittelpunkt stehen Kafkas Texte und Werke und deren Korrespondenzen mit dem Leben des Autors. Insbesondere geht es um dessen prägendes Verhältnis zu seinem Vater, seine schwierigen Beziehungen zu Frauen und schließlich einem gespaltenen Verhältnis zum Prager Judentum. Satirisch wendet sich das Buch wiederholt gegen den inflationären Gebrauch des Begriffs "kafkaesk" - auch wenn sich die Autoren zum Schluss mit Kafka-Leiberln in der Prager Touristen-Zone zeigen.