Aus der Sicht des Zeichners verbindet das Buch zwei Strategien: Zum einen illustriert Crumb biografische Stationen teils nach fotografischen Vorlagen sowie Brief- und Tagebuchzitate, zum anderen setzt er längere Passagen aus Kafkas Erzählungen und Romanfragmenten bis hin zu kompletten Texten als Comic um, die geschickt in die Comicbiografie eingebettet sind.

Im Labyrinth der Texte

Während sich die Biografie einerseits gegen einseitige ideologische Vereinnahmungen zur Wehr setzt, kehrt andererseits der Topos des Labyrinths und des Labyrinthischen wiederholt wieder, vor allem wenn es um den "Process" und das "Schloss" geht.

In diesen beiden Werken tummeln sich auch jene Frauenfiguren, die es Crumb vermutlich angetan haben. Sie werfen sich dem jeweiligen Protagonisten (ob Josef K. oder K.) oftmals bei ihren ersten Begegnungen schon an die Brust, umgarnen ihn und scheinen ihn nur tiefer in jenes Labyrinth hineinzulocken, aus dem er einen Ausweg zu finden trachtet.

Crumb hat sich in "Kafka" mit seinen zeichnerischen Obsessionen zurückgehalten. Lediglich einige stramme Waden erinnern an die Zeichenexzesse des einstigen Enfant terrible. Crumbs Umsetzungen zeugen von erstaunlicher Sensibilität in seiner Annäherung an Kafka. Gerade in der Theatralik, die seine Zeichnungen antreiben, wird ein starker Zug von Kafkas Texten, ihrer Gestik und Körperlichkeit, sichtbar.

K. oder doch Kafka?

Die durchaus anfechtbare Selbstverständlichkeit, mit der Mairowitz von einem Ineinander von Leben und Werk bei Kafka ausgeht, wird in seiner Umsetzung des "Process" dadurch auf den Punkt getrieben, dass der Protagonist Josef K. das Konterfei des Autors Kafka selbst annimmt. Das ist allerdings nicht die einzige Reminiszenz an Mairowitz’ und Crumbs "Kafka". Die an Jacques Tardis Schwarz-Weiß-Ästhetik geschulte Zeichnerin Montellier sieht sich auch Crumb verpflichtet, den sie mehrfach zitiert. So verbindet sie innerhalb eines Panels eine Zeichnung Crumbs, die einen vor Selbstzweifel verkrampften tagebuchschreibenden Kafka darstellt, mit dem in gleicher Haltung über seinen Prozess sinnierenden Josef K., und hebt damit die Verknüpfung hervor.

Im Übrigen geht Montellier eigene Wege in der Umsetzung dieses Klassikers als Comic. Eine etwas altertümelnde historische Kostümierung der Figuren erscheint in einer Film-noir-Ästhetik, die ihre Spannung zweifellos aus einem durchgehenden Regime an Brechungen, Irritationen und quasi-dadaistischen Montagen bezieht.

Das Fragmentarische veranschaulicht dagegen sinnlich und auf konstitutive Weise Josef K.s Verwicklung in einen - zumindest möglicherweise - unauflösbaren Konflikt. Poröse, erodierende Panels machen auf einer formalen Ebene auf den Fragmentcharakter des Romans aufmerksam, betreiben geradezu eine Fragmentierung des äußerlich Ganzen. Josef K.s erste Untersuchung führt ihn an einem Sonntagmorgen in eine Vorstadt: Der stilisiert dargestellte architektonische Verfall verweist bereits auf den als noch weit schlimmer einzuschätzenden verlotterten Zustand des Gerichts, das in diesem Viertel beheimatet ist. Bekritzelte Papierfetzen segeln durch die Luft, während manche Bildkästchen selbst bloß Papierfetzen zu sein scheinen, hinter denen aber eine gleichermaßen heruntergekommene und schmuddelige Vorstadtwelt sichtbar wird.

Wiederkehrende Motive wie zeigerlose Uhren sowie durch die Bildkästchen tanzende Skelette nutzt die Zeichnerin als allegorische Vehikel, um in einer eigenen Zeichensprache Themen anklingen zu lassen, die zum Kern der traumhaft-paradoxen Situation Josef K.s gehören. Zeit zählt in diesem Sinne zu einem der kontrapunktischen Elemente im "Process", in dem alles "ewig in der Schwebe bleibt".

Ein Netz von Bezügen

Das Warten, der Aufschub, die Vertröstungen gehören zu den Grunderfahrungen nicht allein der Hauptfigur. Zugleich gibt es Beanstandungen oder Feststellungen von so gnadenloser Konkretheit wie: "Sie hätten vor einer Stunde und fünf Minuten erscheinen sollen!" Und schließlich spielt sich doch alles zwischen dem 30. Geburtstag und dem Vorabend des 31. Geburtstags ab.

Die Geburtstagskerzen wiederum werfen lange Schatten und bilden Muster, die an Sträflingsanzüge oder Gefängnisgitter erinnern. Mitunter formen sie sich zu Krallen, die aus einem ornamentalen Hintergrund heraustreten und eine weitere Ebene zwischen Bild und Text etablieren. Zugriffe selbst ungreifbarer Mächte werden dadurch grafisch auf originelle Weise angedeutet. Insgesamt entspinnt sich in dem Comic ein Netz aus Konnotationen, das sich über die narrative Bild-Text-Struktur legt, diese zugleich unterbricht, verdeckt und verdichtet. Wenn in Kürze Kafkas "Schloss" als Comicadaption auf Deutsch greifbar ist, wird man staunen über die ganz andersartigen, holzschnittmäßigen Grau-Schwarz-Weiß-Bilder, die an Frans Masereel oder Otto Nückel erinnern und in ihrer Reduktion eine eigentümliche Schattenwelt erschaffen, wie sie Kafkas "Schloss" zupass kommt.

Es ist vielleicht kein ganz neuer Kafka, der hier jeweils in Szene gesetzt wird, aber unbedingt ein Kafka, der anregt und Lust macht zu lesen. Und das ist nicht wenig.