"In Orschowa kam ich wieder an die Donau." Wer spricht hier, zu Beginn eines Reisebuches mit dem leicht rätselhaften Titel "Die unterbrochene Reise"? Es ist ein 20-jähriger Engländer. Sie, die Donau, an der er stand im Jahr 1936, "war jetzt fast eine Meile breit, doch unmittelbar westlich strudelte und brauste sie durch den engen Kazan - den Kessel -, wo sich die Berge zu beiden Seiten bis auf etwa hundertfünfzig Meter annäherten. Seit ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hatte dieser unersättliche Strom die Save oder Sau, die Drau, die Theiß, den Mieresch und die Morawa sowie ein Dutzend weniger bekannte Nebenflüsse verschluckt." Kann dies wirklich ein so junger Mensch geschrieben haben? So raffiniert, so elegant dahinfließend, zugleich so unersättlich brausend?

Siebzig Jahre später: Wenn Britanniens angenehm unterkühlte BBC eine leidenschaftliche Eloge verbreitet, so ist dies rar. Ebendies war am 13. Februar 2004 der Fall, als zwei Tage nach seinem 89. Geburtstag ein Engländer, der seit Jahrzehnten seinen Wohnsitz in Griechenland, auf dem südlichen Peloponnes hatte, von Queen Elizabeth II. zum Ritter geschlagen wurde. Sein Name: Patrick Leigh Fermor.

Die BBC beschrieb ihn als Kreuzung von Indiana Jones, James Bond und Graham Greene. Abenteurer, Kriegsheld und Lebemann plus seriöser Schriftsteller in einem. Fermor habe, so die BBC, mehr als nur drei sehr unterschiedliche Leben gelebt, und sei dabei stets Kosmopolit gewesen. Er konnte in einer Handvoll Sprachen fließend parlieren, habe zudem sein ganzes langes Leben, das erst am 10. Juni 2011 in Dumbleton in Gloucestershire auf dem Landsitz von Freunden enden sollte, blendend gut ausgesehen und sich mit der gleichen warmherzigen Nonchalance in Londoner Herrenclubs bewegt wie ab 1940 unter kretischen Widerstandskämpfern oder 1934 unter bulgarischen Bauern.

Damals wartete Fermors Leserschaft noch immer auf den literarischen Abschluss seiner 1933 begonnenen Fußreise von Hoek van Holland nach Konstantinopel, wie er Istanbul nannte. Die ersten beiden Bände, "Die Zeit der Gaben" und "Zwischen Wäldern und Wasser", waren 1977 und 1986 erschienen. Fermor hatte seine große Reise aus der Erinnerung zu Papier gebracht.

Lustvolles Leben

Der dritte und letzte Teil, "Die unterbrochene Reise", war über Jahrzehnte ein Mythos der angelsächsischen Literatur. Weil dieser Band nicht und nicht erschien. Obwohl es Ankündigungen gab. Obwohl Fermor immer wieder Anläufe genommen hatte, diesen Abschluss seines jugendlichen Unternehmens tatsächlich zum Abschluss zu bringen. Die Gründe, weshalb der Text nun, zwei Jahre nach seinem Tod, aus dem Nachlass und tatsächlich unabgeschlossen herausgegeben worden ist, ergänzt um originale Tagebucheinträge, die authentischer sind als Fermors kunstvolles Erinnerungsgespinst, sind vielfältig.

Einen ganz handgreiflichen belegt die Biographie über ihn von Artemis Cooper: zwei abfotografierte Manuskriptseiten. Der Text ist von Hand geschrieben, mehrfach überarbeitet, aus- und flächig durchgestrichen, mit Einschüben versehen und mit verschiedenen Stiften aufs Papier gebracht worden. Wollte Fermors langjähriger Verleger John Murray erklären, weshalb sein Autor ein so skrupulöser Langsamstschreiber sei, so zeigte er ebendiese Seiten eines frühen Stadiums von "Eine Zeit der Gaben" vor. Hinzu kamen andere Dinge, die Leigh Fermor lange wichtiger waren - der Bau und die Ausgestaltung seines Hauses auf dem Peloponnes, die unzähligen Freunde auf mehreren Kontinenten, ausufernde Korrespondenzen, die lustvollen Freuden gelebten Lebens.

Am Ende, als sich Fermor im hohen Alter, ermuntert durch den Zuspruch von vielen Seiten, nochmals an das Manuskript setzte, ließen seine schwindenden physischen Kräfte kaum noch zusammenhängende Arbeit zu. Er musste mit starker Lupe lesen, wechselte dann, erstmals in seinem Leben, zu einer Schreibmaschine über, weil er seine eigene Handschrift kaum noch entziffern konnte.

Dabei war sein fast ein Jahrhundert währendes Leben wahrlich ein so ungewöhnliches wie bewegtes Abenteuer: Ein mehrfach von Schulen verwiesener, lesewütiger Achtzehnjähriger, der sich 1933 in London allein auf die absehbar scheiternde Aufnahmeprüfung für eine Militärakademie vorbereitet, beschließt, eine Wanderung zu unternehmen. Allein. Beginnend in den Niederlanden und endend am Schwarzen Meer. Im Rucksack: etwas Kleidung, ein Exemplar des "Oxford Book of English Verse" und die Oden von Horaz. Pro Monat stehen ihm vier englische Pfund zur Verfügung.

Es ist ein romantisches, von Literatur inspiriertes Vorhaben, was Fermor auch bereitwillig in "Die Zeit der Gaben" einräumt, seinem ersten Teil-Buch über diese dreijährige Jahre. Teils Autobiographie, teils Reisebericht, teils Abenteuer- und Bildungsepos, gilt es heute zu Recht als Klassiker. Was sich hier auftut, ist ein Blick auf ein entschwundenes, vernichtetes Europa, auf einen gastfreundlichen, sangesfreudigen, hilfsbereiten, farbigen, pittoresken Kontinent, bevor dieser mit heißen und kalten Kriegen überzogen wurde.