Dass es nichts Neues unter der Sonne gibt (wie der biblische Prediger sagt), stimmt nicht ganz: denn zumindest muss diese Erfahrung von Generation zu Generation stets aufs Neue gemacht werden. Keineswegs neu ist zweifellos die Erkenntnis, dass früher vieles anders war, doch nicht alles gut; so gut nämlich, dass man sich gern daran erinnert bzw. erinnert werden möchte. Darauf hat zum Beispiel einer Bedacht zu nehmen, der alte Literatur neu herausgibt; einer wie Alexander Kluy.

Richard v. Schaukal (1874-1942). - © Foto: IMAGNO/Photoarchiv Setzer-Tschiedel
Richard v. Schaukal (1874-1942). - © Foto: IMAGNO/Photoarchiv Setzer-Tschiedel

Als Spiritus Rector der in der Edition Atelier erscheinenden Reihe "Wiener Literaturen" will er dem Publikum "Ungewöhnliches und Zeitenüberdauerndes" präsentieren: "souverän eigensinnige Texte, die die Grenzen zwischen erzählender, feuilletonistischer und analytischer Prosa leichthändig ignorieren". Auf den Reprint von so gearteten Werken dreier Männer (Dörmann, Großmann, Neumann) folgt nun Richard von Schaukals (erstmals 1907 publiziertes) Bändchen "Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten". Eine Trouvaille ist das nicht.

Richard von Schaukal (1874- 1942), ein einst geschätzter Lyriker (dessen Talent sogar vom gestrengen Karl Kraus gelobt wurde), stellt sich hier als ein so leichthändiger wie leichtsinniger Prosaautor dar, den das Ungewöhnliche einer modischen Zeiterscheinung mehr fasziniert als der zeitenüberdauernde Wert einer substantiellen Lebensform. Schaukals Unterfangen, dem Dandytum literarische Reverenz zu erweisen, ist schon nach seinem ersten Erscheinen auf teils Un-, teils Missverständnis gestoßen, sodass sich der Verfasser veranlasst sah, die sechste Auflage (1911) "mit einem überflüssigen Nachwort" zu versehen.

Man sehe, stellt der Autor fest, in dem Buch "bald ein Theoretikum, bald eine Satire, bald ein anstößiges Bekenntnis, bald ein Feuilleton. Die es halbwegs ernst nehmen, bekämpfen die ‚darin ausgesprochenen Ansichten‘". Alles falsch. "Denn Balthessers Meinungen . . . sind kein ewig nach einer Seite starrendes Profil, sondern ein körperlicher Mensch unter allen Schatten und Lichtern der Stunde, der Stimmung." Was also will das Buch? "Von innen heraus erfaßt sein."

Was jedoch beschwerlich, wo nicht gar unmöglich ist bei dieser prosaischen Textsorte über den Repräsentanten einer Lebenshaltung, die sich von der Lust am Schein nährt und sich an der Einbildung labt, dass nur eine ästhetische Oberfläche wahre existentielle Tiefe verspricht. Der Dandy braucht zartlilafarbenes Briefpapier, tadellose Lackschuhe, einen täglich frisch gebügelten Zylinder, außerdem eine noble Wohnung, einen treuen Diener, Geld, gute Erziehung, Schlagfertigkeit, Menschenkenntnis, Ironie, Spiellaune, und von Zeit zu Zeit Muße, sich poetisch zu äußern, etwa über Perseus oder Androgyne. Zwischendurch lässt er im typischen Dandystil, gestelzt und prätentiös, sozusagen mit abgespreiztem kleinen Finger schreibend, Sinnsprüche und Glossen fallen, die er aus dem Schätzkästlein eines aphoristisierenden Dilettanten geholt hat. Beispielsweise dies: "Takt ist im Grund nur ein andres Wort für - Herz."/ "Geist ist wenig, Tiefe ist alles."/ "Der vornehme Mensch empfängt ohne Bedenklichkeit."/ "Unsre bessere Literatur riecht nach ungelüfteten Stuben, die schlechtere nach dem Kaffeehaus." Die entbehrliche nach Schaukal.

Richard von Schaukal: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten. Hrsg. v. Alexander Kluy. Mit einem Original-Essay von Stephan Hilpold und Beiträgen von Jules Amédée Barbey d’Aurevilly und Richard von Schaukal sowie einer Dandy-Galerie. Edition Atelier, Wien 2013, 141 Seiten, 18,95 Euro.