Was in der 1850er Jahren in Sizilien mit der Zerstörung von Zitronenplantagen begann, gegen die man sich nur mit Schutzgeldzahlungen "versichern" konnte, wurde zu einem System von Verbrecherorganisationen, die trotz jüngster Erfolge der Justiz noch immer nicht nur in Italien, sondern auch international hochaktiv sind: Für sie steht der etwas unpräzise Überbegriff "Mafia".

Der englische Historiker John Dickie schildert nicht nur die Geschichte der drei wichtigsten Organisationen - der sizilianischen Mafia, der Camorra in Neapel und Kampanien und der ’Ndrangheta in Kalabrien -, sondern geht auch der Frage nach, warum sie funktionieren. Seine Antwort ist der Titel seines Buches: "Omertà", das Gesetz des Schweigens ist wesentliches Steuerungselement. Mit ihren Methoden - Mord, Erpressung, Menschenhandel, Subventionsbetrug, Kidnapping und Korruption - versuchen sie auch Polizei, Justiz und Politik zu unterwandern und unter ihre Kontrolle zu bringen.

Dass man ihrer Brutalität nicht entkommen kann, stellte "die Mafia" vor sechs Jahren in Duisburg unter Beweis, wo zwei ihrer Killer sechs junge Italiener auf offener Straße mit 54 Schüssen ermordeten. Trotz der detailreicher Schilderungen der Terroraktionen und ihrer Akteure geht der Autor wenig auf die aktuellen globalen politischen Vernetzungen, die internationalen Geldflüsse und Wirtschaftspraktiken der Mafia-Organisationen ein, mit denen diese immer wieder neue Operationsfelder besetzen. Dennoch ist Dickies 900-Seiten-Opus über "Geschäftsleute mit Knarren" (so der Autor) informativ und spannend.