Ich kann historische Romane nicht ausstehen. Sie sind ein Zwitter zwischen Geschichtsschreibung und Fiktion. Sie sind das Ergebnis unzulänglicher Recherchen für die historische Darstellung und zu geringer Vorstellungskraft für die Fiktion.

Derzeit sprießen sie hervor aus dem granatendurchpflügten Boden des Ersten Weltkriegs. Es gibt ja keine aktuellen Konflikte auf der Welt, da muss man den 100 Jahre alten hervorholen. Nicht analytisch zum Erkenntnisgewinn über historische Vorgänge (was legitim ist), sondern als - ja, eben Kulisse für irgendwelche Handlungen, Liebes- und Intrigengeschichten.

Der historische Roman gaukelt dem Leser vor, die historische Wirklichkeit lebendig zu machen. Aber der historische Roman lügt. ,"Was ist denn jetzt schon wieder‘, fuhr Czernin seinen Kabinettssekretär an", schreibt Hans von Trotha in seinem Roman "Czernin" - und das ist nicht einmal ein wirklich schlechter historischer Roman. Aber woher weiß der Autor das? Ich behaupte, just in diesem Moment habe Czernin gesagt: "Was ist denn noch?" Und mein Freund Christian Heindl garantiert, Czernin habe ganz einfach mit sanfter Stimme ein fragendes "Ja?" gesagt. Wir haben alle drei ebenso recht wie unrecht. Nur haben Heindl und ich keinen Roman aus unserer Unrechtrechthaberei gebaut.

Dokumente in der Fiktion

"Oder wie ich lernte, den Ersten Weltkrieg zu verstehen" heißt der Roman im Untertitel. Man kann von Trothas Behauptung nicht einmal widerlegen. Wenn er subjektiv diesen Roman gebraucht hat, um den Ersten Weltkrieg zu verstehen, hat das Buch wenigstens einen individuellen Zweck erfüllt.

Nein, ich will nicht gegen von Trotha polemisieren - eigentlich schon, zugegeben, aber nicht, weil er als Autor Mist gebaut hätte, sondern weil er sein schriftstellerisches Talent an einen historischen Roman verschwendet hat. Dabei hat von Trotha gewiss sauber recherchiert und sogar Originaldokumente eingebaut. Gerade das aber stört mich am meisten: Weshalb nicht eine historische Abhandlung schreiben? Weil man in ihr Sätze nicht unterbringen könnte, die vermeintlich dichterisch, wohl aber eher stilistische Fehlleistungen sind wie: "Ein Sonnenstrahl drang durch das Souterrainfenster, durchschnitt den stehenden Rauch in der Diagonale"?

Von Trotha kann nichts dafür. Im Grunde muss ich ihn um Verzeihung bitten: Sein Roman ist gar nicht schlecht. Er dient mir nur, zugesandt vom Verlag als Rezensionsexemplar, als willkommenes Beispiel für meine Ablehnung historischer Romane. Hätte mir Styria Premium "33 Tage: Der letzte Sommer des alten Europa" zugesandt, hätte es dessen Autor Marko Rostek getroffen. Die Form des Romans ist einfach nicht dazu da, Geschichte zu inszenieren.

Aber jetzt höre ich schon das Tuscheln derer, die mich kennen: "Wetten, dass er für Thomas Mann und Bertolt Brecht Entschuldigungen finden wird?"

Und ob! - Weil Manns "Joseph und seine Brüder" ebenso wenig ein historischer Roman ist wie Brechts "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar". Selbst Thornton Wilders "Die Iden des März" ist kein historischer Roman im Sinn einer Geschichtsdarstellung. Mann unternimmt eine grandiose Studie über das Erzählen an sich, da ist der Mythos von der Bibel bis zu Wagners "Ring des Nibelungen" gemeint, nicht verbales Hollywood. Brecht exemplifiziert, welche Auswirkungen der Blickwinkel auf die Darstellung historischer Vorgänge hat, sein Fragment kommt für eine Verfilmung mit Brad Pitt und Angelina Jolie eher nicht in Frage. Nicht einmal Wilder, obwohl von den dreien noch am ehesten er, schreibt einen historischen Roman im eigentlichen Sinn: Auch bei ihm geht es primär um die Art des Erzählens: Wie sich eine Zeitspirale immer enger zusammenzieht, kann nur anhand eines Beispiels dargestellt werden, dessen Ausgang jeder potenzielle Leser kennt, sonst würde das Konzept nicht funktionieren.

Ich habe auch gar nichts dagegen, fiktive Handlungen in früheren Zeiten anzusiedeln. Mitunter braucht ein Autor diese strukturelle Hilfe, weil andernfalls sein Roman zu einem Satz zusammenschrumpfen würde.

Forensik tötet Krimi

Krimis sind dafür ein hervorragendes Beispiel. Die Methoden der modernen Forensik hätten aus Agatha Christies Romanen Kurzgeschichten gemacht. Was braucht man 200 Seiten Hercule Poirot, wenn man mittels DNA nach drei Sätzen weiß, wer der Mörder ist?

Ich habe den Verdacht, dass die modernen Ermittlungsmethoden das Genre beinahe umgebracht haben. Allenfalls thematisiert man noch die Ermittlungsmethoden selbst, oder man tut so, als gäbe es die moderne Forensik nicht und hofft, dass der durch "CSI" und "Bones" forensisch dauerberieselte Fernsehzuschauer, mutiert er zum Leser, nicht die peinliche Frage stellt, wo denn die Spurensuche geblieben ist, die freilich manch subtil ausgedachtes Romangebäude zum Einsturz gebracht hätte. Da ist es schon klar, dass manche Autoren lieber zum Thriller wechseln mit seinem hohen Gewaltpotenzial oder seinen an den Horror anstreifenden Handlungen.