"Ich kann spüren, dass die Bullen mir auf die Pelle rücken, spüre, wie sie da draußen ihre Maßnahmen treffen, ihre Teufelspuppen-Spitzel in Stellung bringen, sich einen Reim machen auf Löffel und Tropfer, die ich in der U-Bahn-Station Washington Square wegwerfe, springe über das Drehkreuz und zwei Etagen die eisernen Treppen hinab, um den A-Train nach Uptown zu bekommen . . ." Mit ungestümer Bewegung setzt das bekannteste Buch von William S. Burroughs ein. Dessen Titel, den er infolge eines anti-freudianischen Versprechers eines Freundes fand, lautet "Naked Lunch" (der Freund hatte "naked lust", nackte Lust, falsch vorgelesen).

Man beachte die Waffe am Gürtel. - © Alen Mac Weeney/Corbis
Man beachte die Waffe am Gürtel. - © Alen Mac Weeney/Corbis

Als dieser Roman Ende 1959 erschien, im Programm der für seine pornografischen Titel berüchtigten Pariser Olympia Press, hatte Burroughs fast zehn Jahre daran gearbeitet. Im Frühjahr 1950, da war er 36 Jahre alt, hatte sich Burroughs, der im Kreis seiner gutbürgerlichen Familie als beruflich hoffnungsloser Fall galt, in Mexico City ernsthaft an dieses Projekt gesetzt.

Wie alle folgenden Bücher, die bis zu seinem Tod 1997 entstanden, war es mit gelebtem Leben vollgesogen. Mit Drogen. Mit Paranoia, Science-Fiction und Massen-Überwachung, mit direkten Bezügen auf Konspirationen und Kriminalliteratur. Burroughs vermochte die vielen Hundert Seiten nicht zu ordnen, erst Freunde taten dies. In mehreren Anläufen. Vieles floss in die hämmernde Prosa ein, Drogentrips, Sexualität, Träume und Alpträume, teils Jahre zurückliegende Aufzeichnungen.

Drogenerfahrungen

1953 war Burroughs auf der Suche nach einer bewusstseinserweiternden Droge gewesen. Und nach Südamerika gereist. Über seine Erfahrungen mit einer halluzinogenen Droge notierte er: "Yage ist eine Reise durch Raum und Zeit. Das Zimmer vibriert wie ein Flugkörper. Durch deinen Körper filtern nacheinander Blut und Erbmasse vieler Rassen. . . neue Rassen, in ihrer Zusammensetzung noch unvorstellbar und noch nirgends im Ansatz zu erkennen, ganze Völkerwanderungen, unglaubliche Trecks durch Wüsten und Dschungel und Gebirge - Stasis und Tod in rundum eingeschlossenen Bergtälern, wo Pflanzen aus Genitalien sprießen und in den Körpern der Bewohner riesige Asseln heranwachsen, die schließlich die menschliche Hülle durchbrechen . . . Die City - eine Riesenstadt aus zahllosen Versatzstücken, in der sämtliche menschliche Potentiale wie auf einem endlosen schweigenden Markt ausgebreitet sind." Hier ist all das an Motiven, Ideen und Bildern enthalten, was seine viele Leser in Bann schlagenden Bücher charakterisiert.


William Seward Burroughs II, so sein vollständiger Name, bildete mit den um einige Jahre jüngeren Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Gregory Corso den innersten Kern der Beat-Literaten. Sie waren der Inbegriff literarischer und gesellschaftlicher Nonkonformität: Bohemiens, bi- und homosexuell, künstlerisch innovativ, weil lebenslang neugierig experimentierend. Experimentierend aber auch mit einer Vielzahl von Drogen, von denen sie viele Jahre abhängig waren und daran teils elend zugrunde gingen wie Kerouac, der sich mit 47 Jahren tot trank.

Die Beats wandten sich gegen Spießertum, Mainstream und leere Wohlanständigkeit, gegen Konsumismus, Kapitalismus, gegen die US-Politik wie deren militärisch-industriellen Komplex. Massiv attackierten sie all dies mit ihrem Lifestyle, mit Worten und Versen und Büchern, mit neuen scheinbar dilettantischen Kunsttechniken, auf die sie zufällig stießen. Wie Cut-outs und Cut-ups, nach dem Zufallsprinzip zusammengesetzten Sätzen und Bildmotiven, die vorher zerschnitten worden waren. Und die einen wichtigen Part in Burroughs‘ Werk einnehmen.

Die Kurve seiner Biografie ist eine ironische: Aus gutbürgerlicher Familie in St. Louis stammend - sein Großvater wurde als Erfinder einer Rechenmaschine wohlhabend und seine Eltern hatten 1929, vier Wochen vor dem Börsenkrach, all ihre Aktien verkauft -, Studium an der Harvard University, dann Bohemien, Heroin-Junkie, im marokkanischen Tanger in winzigen Zimmern hausend, in Paris in einem Bruchbuden-Hotel und in London in einem billigen Hotelzimmer, bis kurz vor seinem 50. Geburtstag von einer monatlichen Unterstützung der Familie abhängig, Avantgarde-Autor, zu guter Letzt Maler und Librettist.

So schloss sich der Bogen wieder. Denn als Maler war er so erfolgreich wie niemals zuvor als dezidiert unkommerzieller Autor; erst mit über 70 Jahren war es ihm dank eines Verlagsdeals vergönnt, bescheidenen Wohlstand zu genießen: Im vergangenen Jahr zeigte die Kunsthalle Wien eine Retrospektive seiner Arbeiten.

Als Librettist arbeitete er 1989/90 mit dem Theatermacher Robert Wilson und dem Musiker Tom Waits zusammen. Er wurde in den bürgerlichen Kunsttempeln gefeiert, in renommierten Sprechtheatern und Opernhäusern des deutschsprachigen Raums. "The Black Rider", seine und Wilsons Bearbeitung von Carl Maria von Webers "Freischütz", wird bis heute immer wieder aufgeführt.

Der Burroughs-Biograf Barry Miles dürfte Recht haben, wenn er Allen Ginsberg, den jüdischen Poeten, der Buddhist wurde, zum Heros der Gegenkultur der Sechziger Jahre ausrief und zugleich erklärte, dass die 1970er Jahre Burroughs gehörten. In diesem Jahrzehnt wurde der hagere, ja ausgemergelte schweigsame Burroughs, stets mit Anzug und Hut überkorrekt gekleidet und stoisch dreinschauend, zur Ikone - vor allem der Popmusik.

"Der Bunker"

1974 kehrte Burroughs nach 25 Jahren im Ausland zurück in die USA und bezog in New York eine eigenartige Wohnung: ein im ersten Stock gelegenes fensterloses Loft, das zuvor der Umkleideraum einer Turnhalle gewesen war, bald nur "der Bunker" genannt. Musiker und Künstler suchten seine Nähe, Lou Reed, David Bowie und Andy Warhol; 15 Jahre später entdeckten ihn die Jüngeren erneut. Der Musiker Kurt Cobain, dem Grunge, einer Unterart des Heavy Metal-Rock zugerechnet, nahm mit Burroughs Platten auf, dessen Tonfall eigenwillig schleppend war und dessen sonore Stimme auf merkwürdige Art distinguiert wirkte. Das ist sehr passend, weil "heavy metal" eine Wendung ist, die die Band "Steppenwolf" (die sich nach dem Roman Hermann Hesses benannt hatte) aus Burroughs’ Buch "Naked Lunch" entnahm und 1968 in ihren Song "Born to be wild" integrierte.

Viele andere versorgten sich aus seinen Büchern mit Anleihen oder Namen: Labelbetreiber (Nova Records), Filmregisseure ("Blade Runner"), Musiker ("Steely Dan", "Dead Fingers Talk").

Am 2. August 1997 verstarb der lebenslange Waffennarr - 1951 hatte er volltrunken irrtümlich seine Frau erschossen -, in Lawrence im US-Bundesstaat Kansas, 460 Kilometer östlich von Saint Louis, seinem Geburts- und Kindheitsort. Dorthin war er 1981 aus New York übersiedelt und hatte ein kleines Holzhaus bezogen, das er mit sechs Katzen teilte.

Dort etablierte sich auch die William-Burroughs-Verwertungsindustrie, mehrere Mitarbeiter, die sein Archiv betreuten und ihn, der immer gebrechlicher wurde und erstmals einer strikten Tageseinteilung folgte - Aufstehen um 9 Uhr, Punkt 16 Uhr der erste Wodka-Cola, Bettruhe um 21 Uhr - von allen administrativen Aufgaben entlastete, zugleich editorisch integrale Ausgaben seiner Bücher erstellte, etwa von seinem bekanntesten Roman "Naked Lunch", alles Juridische klärte, und Tantiemen eintrieb.

Burroughs war zur Ikone geworden. Trotz und wegen seiner wilden, wüsten, scheinbar formlosen Bücher. "Die Stürmung des Reality-Studios" ist eine weithin bekannte Formulierung von Burroughs. Was er damit meinte, war das Schleifen und Zersprengen überkommener künstlerischer Darstellungsformen. Es ist wohl alles andere als ein Zufall, dass zwei andere Amerikaner, die in der bildenden Kunst und in der Musik ähnlich Stürmisches, wenn auch nicht direkt Verwandtes unternahmen, fast genauso alt waren wie Burroughs: der Maler Jackson Pollock und der Komponist John Cage.

Burroughs fand für seine De-struktion der Realität und des platten Realismus zwei Metaphern. Zum einen ist ihm zufolge Sprache ein Virus. Und zum anderen ist die Wirklichkeit ein Film, der im Reality-Studio in Endlosschleife ablaufe - wenn nicht jemand das Drehbuch ändere oder den Film neu, anders, wilder schneide oder schlicht Löcher ins Zelluloid schieße, sodass Durchblicke in andere, parallele fremde Welten möglich würden.

In Anderswelten, wie er sie in seiner "Nova-Trilogie" ("The Soft Machine", "The Ticket that Exploded", "Nova Express", 1961- 1964) beschrieb und in den vom Ägyptischen Totenbuch und vom Western beeinflussten "Cities of the Red Night", "The Places of Dead Roads" und "The Western Lands" (1981-1987): düstere, prophetische Melangen aus Sex, Tod, Überwachung, Okkultismus und Natur.

Am Ende seines Lebens war Burroughs ein Mythos. Dazu hatten Elogen beigetragen. So erhob ihn Jack Kerouac zum größten satirischen Schriftsteller seit Jonathan Swift. Der Romancier Anthony Burgess deklarierte ihn zum originellsten Autor nach James Joyce. Für Christopher Isherwood war er schlicht ein "poetischer Magier." Die "Chicago Tribune" nannte ihn in einem Atemzug mit Jorge Luis Borges und Julio Cortázar, beides Neuerer der modernen Erzählkunst, und mit Louis-Ferdinand Céline und dessen eruptiver Prosa. Und für Patti Smith rangierte Burroughs auf Augenhöhe mit dem Papst. Das Urteil von "Les Nouvelles Littéraires" aus Paris lautete bündig: "Ein Schriftsteller von der Gefährlichkeit eines genialen Gangsters."

Erfinder eigener Welten

Burroughs, mit zunehmendem Alter ein immer gefragterer Interviewpartner, dabei nicht selten versteckt ironisch, sagte einmal streng: "Für Unsterblichkeit muss man arbeiten und kämpfen, wie für alles andere im Leben auch." Im Jahr 1952, da war William Burroughs 38 und sein erstes Buch "Junkie" noch nicht erschienen, hielt er fest: "Schreiben muss immer ein Versuch bleiben. Die Sache selbst, was sich auf der nicht-verbalen Ebene abspielt, wird sich dem Schreiber immer entziehen. Ein Medium, in dem ich mich ausdrücken könnte, gibt es noch nicht, außer ich erfinde es."

Das tat er. Indem er, einer der großen Innovatoren nicht nur der US-amerikanischen Literatur nach 1945, seine Burroughs-Welten erfand. Und sich selber gleich dazu.

Alexander Kluy ist Journalist, Kritiker und Schriftsteller. Er lebt in München und ist Autor zahlreicher Buchveröffentlichungen zu literatur-, kunst- und kulturhistorischen Themen.