"Die Frau des Elektromonteurs lag auf dem Bauch und lud die Gewehre, die ihr die vor den Fenstern knienden Männer reichten. Auf den gegenüber liegenden Hausdächern bewegten sich, durch Schornsteine gedeckt, Soldaten und schossen in die Fenster. An diesem ersten Nachmittag wurden nur wenige Kanonenschüsse abgefeuert, sie waren eher als Warnung gedacht. Die meisten Geschosse gingen hoch über den Marx-Hof hinweg, nur eines schlug in den südlichen Flügel ein und riss gähnende Löcher in den Torbogen und den ersten Stock."

Diese Szene stammt aus der Erzählung "Evi aus Budapest" von Tibor Déry, in der die Februarkämpfe aus der Sicht einer jungen Ungarin beschrieben werden, die mit dem harmlosen Ziel nach Wien gekommen ist, einen Tanzkurs zu besuchen, und in die Ereignisse hineingerissen wird. Der Autor, heute höchstens noch Spezialisten bekannt, ist selbst eine Figur, in der sich die Widersprüche der Ersten Republik  spiegeln. Geboren 1894 in Budapest, deutschsprachig aufgewachsen, nahm er an der Revolution von 1918, der Räterepublik in Ungarn, den Februarkämpfen in Wien und später auch an dem ungarischen Aufstand von 1956 teil, war von verschiedenen Regimes aller Couleurs inhaftiert worden und starb 1977 hochgeachtet in Budapest, ein Leben zwischen Kriegen, Aufständen und Umstürzen, wie es heutigen Generationen in Mitteleuropa kaum mehr vorstellbar ist.

In dem Sammelband "Im Kältefieber" unternehmen es Erich Hackl und Evelyne Polt-Heinzel, langjährige Mitarbeiterin der "Wiener Zeitung", die Erinnerung an eine Seite der österreichischen Geschichte wachzuhalten, die gar nicht zur Gemütlichkeitsideologie passen will, mit der man sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den Tagen des Wirtschaftswunders zu betäuben begann. "Österreich war", schreibt Hackl im Vorwort über die Februarkämpfe, "früher als Spanien, das erste Land, in dem demokratische Errungenschaften gegen den Faschismus verteidigt wurden."  Diese Einsicht passe nicht so recht zum "trüben Blick auf die jüngere Geschichte", der die Gegenwart auszeichne, eine "Rückprojektion der eigenen stumpfbürgerlichen Misere, eine Gesellschaft, die als unveränderbar, ja unheilbar abzuschreiben ist, weswegen jeder und jede beanspruchen darf, sich dem bestehenden Unrecht durch Karrierismus anzupassen". Eine scharfe Kritik, die jedoch sehr gut auf eine Zeit passt, in der Kandidaten der Sozialdemokratie ganz offensichtlich nicht einmal mehr über das Durchschnittseinkommen ihres Wahlvolkes Bescheid wissen.

Deswegen lohnt sich die Auseinandersetzung mit den vierzig in dem Band versammelten Texten, die in einem dramaturgischen Aufbau in sieben Schritten angeordnet sind, beginnend mit der Vorgeschichte der Kämpfe unter dem Titel "In Bereitschaft" über eine Schilderung der Kampfhandlungen bis zu einem rückblickenden Epilog. Manches klingt nach Propagandaliteratur, andere Texte geben nüchterne Berichte, wieder andere sind Auszüge aus Erzählungen. Alle gemeinsam zeigen jedoch eine Facette des Österreichischen, an die sich zu erinnern lohnt. Wie etwa das Porträt mit dem schlichten Titel "Karl", das Kurt Kläber (1897 – 1959) verfasst hat. Über diesen Karl – "sein Nachname war Rölsch oder Rösch" – heißt es: "Er gehörte dabei weder einer Partei an noch dem österreichischen Schutzbund. Er war nichts weiter als einer von den Hunderttausenden der Wiener Arbeitslosen, die aber, obwohl sie nicht organisiert sind, genauso auf den Sozialismus hoffen wie ihre organisierten Genossen." Und seine Motivation ist relativ einfach, fern von Ideologien und politischen Theorien. "Er war Sohn eines kleinen Gerbers und schon seit seinem siebzehnten Lebensjahr, bis auf einige kleine Handlangerdienste, erwerbslos. Er wusste, als er hörte, dass die österreichische Regierung im Namen Gottes und einiger anderer hochstehender Herrschaften auf die Wiener Arbeiter schießen ließ, dass jetzt entweder das alte Leben so schlecht würde, dass man besser täte es wegzuwerfen, oder ein neues Leben anfinge."

Auch dieser Karl gerät ohne rechten Plan am 13. Februar beim Goethehof in die Kämpfe hinein, erbitterte Kämpfe, in denen sich ein Hass entlud, der über viele Jahre des Hungers und der Unruhe aufgebaut worden war und der gar nicht zur Gemütlichkeit passen will, die angeblich ein österreichischer Wesenszug sein soll. Dementsprechend blutig endet auch der Kampf im Goethehof und mit ihm Karls kurzes Leben. "Die Wachleute schossen, als sie sahen, dass er seinen Revolver plötzlich fallen ließ, nicht eine Kugel auf ihn, sondern ein halbes Hundert. Sie durchlöcherten ihn noch mehr, als sie die Hausmauern durchlöchert hatten. Sie machten ein Sieb aus ihm, dann schlugen sie auch noch auf ihm herum, trampelten auf seinem Leib und beruhigten sich erst wieder, als auch der ängstlichste von ihnen das Gefühl hatte, dass der arme Kerl tot war."