Charles Bukowski (1920-1994). - © Sophie Bassouls/Sygma/Corbis
Charles Bukowski (1920-1994). - © Sophie Bassouls/Sygma/Corbis

Der "New Yorker", die amerikanische Zeitschrift für den kulturellen Feingeist, wunderte sich. Da gäbe es lyrische Preisträger wie Howard Nemerov oder Amy Clampitt. Und man könne von Glück sagen, wenn man in einem Buchladen das eine oder andere ihrer Werke fände. Völlig anders dagegen die Situation mit dem Großen Unaussprechlichen, dem Gossenpoeten, dessen Name in keiner gediegenen Anthologie amerikanischer Gegenwartslyrik auftauche. Ganze Regale brächen geradezu nieder unter der Last seiner unzähligen Lyrik-Bände mit den ausladenden Titeln und den ausgefallenen Titel-Illustrationen. Von wem konnte hier wohl die Rede sein? Natürlich einzig von Charles Bukowski.

Das war vor neun Jahren. Damals galt beim New Yorker wohl noch die Maxime, man sei es sich schuldig, Bukowskis zehntes Todesjahr zu ignorieren. Deswegen kam die widerstrebende Würdigung, Dezimalsystem hin oder her, auch erst zum elften. Mittlerweile ist Bukowski 20 Jahre tot, (er starb am 9. März 1994), aber sein Werk ist, wenn man so will, lebendiger denn je. Nur: Der Buchhandel kränkelt. Überbordende Regale sind eine Seltenheit geworden. So findet Bukowskis Auftritt heute, in jeder nur erdenklichen Façon, im Internet statt.

Amerika hat es freilich seit je her schwer gehabt mit seinen großen Lyrikern. Auf dem Dreiertreppchen der Olympier des 20. Jahrhunderts stehen die folgenden Namen: T. S. Eliot, Ezra Pound und Robert Frost. Eliot, der wie der Micky Maus-Erfinder Disney aus Missouri stammte, floh nach England und verleugnete seine Heimat, nur um zuletzt doch Weltruhm als Librettist der Musical-Schmonzette "Cats" zu erlangen. Mit uhrwerksmäßigen Knittelversen, die man in Amerika "Doggerel" nennt. Man kann sagen, Entenhausen hat ihn eingeholt.

Pound verließ Amerika, um in Italien ein glühender Verehrer Mussolinis zu werden. Nach dem Krieg durfte er dafür volle zwölf Jahre in der US-Hauptstadt Washington D.C. bei der Psychiatrie einsitzen.

Prügel für Herkunft

Frost, der noch zu Kennedys Amtseinführung die schönsprecherische Beweihräucherung beigesteuert hatte, und Zeit Lebens als lyrischer Liebling der Nation galt, schaffte es, dank einer dreibändigen Biographie seines eigenhändig auserkorenen Eckermanns, im Tode als bösartiger Zittergnom wiederzukehren, der sogar, wie es hieß, einen seiner Söhne in den Selbstmord getrieben hätte.

Nicht anders bei der Damenriege. Emily Dickinson, die bedeutendste Lyrikerin des 19. Jahrhunderts, verbrachte praktisch ihr ganzes Leben in ihrem Schlafzimmer, mit der Arbeit an ihrem "Nachruhm" befasst. Auf einem Schreibtischlein von der Größe eines Serviertabletts schrieb sie auf kleinen Zettelchen rätselhafte Texte, durchsetzt mit Gedankenstrichen. Als sie starb, entging ihr Nachlass nur durch Zufall dem Verbrennungstod. Im 20. Jahrhundert machte Sylvia Plath noch eine Ton-Aufnahme ihres letzten Gedichts ("Daddy", auf YouTube zu hören) bevor sie, etwas über 30 Jahre alt, den Kopf in den heimischen Gasherd legte.

Verglichen damit war Charles Bukowski eher eine harmlose Dumpfbacke. Er zog sich Pferderennen, Bier, Mahler-Symphonien und bereitwillige Frauen mittleren Alters rein. Dann tippte er seine Gedichte in die Schreibmaschine, bis zu 15 Stück an einem Abend. Was gab es daran auszusetzen?

Ja, natürlich: der Name, Bukowski. Amerikaner sprechen ihn "Bukauski" aus, in deutschsprachigen Landen kennt man ihn als "Bukoffski". Oft als "polnisch" apostrophiert, war die Familie dennoch unzweifelhaft deutsch. Die Großeltern trafen sich zwar erst in Amerika, kamen aber beide aus Deutschland. Einer ihrer Söhne, der Vater unseres Dichters, ging als amerikanischer Sergeant im Ersten Weltkrieg nach Deutschland, heiratete dort seinerseits wieder eine Deutsche, Katharina Fett - und der kleine "Heinrich Karl" kam 1920 in Andernach zur Welt. Seinen deutschen Akzent behielt er noch bis in die High School-Jahre in Los Angeles.

Die endlosen Prügel, die er seine ganze Schulzeit hindurch auf den Schulhöfen kassierte, verdankten sich in erster Linie diesem Umstand, ein Deutscher zu sein und wie ein Deutscher zu klingen, während die ganze Welt mit dem Zeigefinger auf Nazi-Deutschland als das personifizierte Böse zeigte. Trost zu Hause bei einem cholerischen und prügelfreudigen Vater fand er nicht, auch die Mutter kriegte jeweils ihre blauen Flecken ab.

Als Bukowski 1978 in der knackevollen Hamburger Markthalle eine Lyrik-Lesung gab, rief er ins Publikum: "It’s good to be back!" ("Es ist gut, wieder da zu sein.") Aber dann fügte er hinzu, beinhart beim Englischen bleibend: "Leider wird die Lesung auf Englisch sein müssen." Und er widmete sie seinem Freund und Übersetzer Carl "Wiesner", den er damals seit mehr als zehn Jahren kannte; dessen Namen, "Weissner", er jedoch konsequent falsch auf amerikanische Weise aussprach. Deutsche Wörter kamen dem Poeten nicht mehr über die Lippen.