Hermann Burger, dies gleich vorweg, ist einer der wirklich großen Autoren deutscher Sprache. Dass der Schweizer Schriftsteller seit seinem Tod dennoch in Vergessenheit geriet, ist nicht unbedingt ungewöhnlich, sondern durchaus typisch für den Literaturbetrieb. Es ließen sich auch manche österreichische Autorennamen nennen, die es - gegen alle Qualität - nie aus dem Ghetto des österreichischen Verlagswesens schafften und so irgendwann erschöpft aufgaben oder sonstwie auf der Strecke blieben und vergessen wurden.

Bei Burger war dies allerdings nicht ganz so: Ihm gelang sehr schnell der Sprung nach Deutschland, wo seine Bücher lange Zeit bei S. Fischer erschienen, bevor er öffentlich mit dem Verlag brach und zu Suhrkamp wechselte. Dort erschien 1989 mit dem Roman "Brunsleben" das wohl beste Werk Burgers - als Auftakt des auf vier Bände geplanten "Brenner"-Zyklus, dessen Vollendung ihn womöglich als eine der bedeutendsten Erzählstimmen der Literatur des späten 20. Jahrhunderts etabliert hätte. Doch genau wissen wir dies nicht: Hermann Burger starb am 28. Februar 1989, drei Tage vor der Publikation von "Brunsleben". Er hatte sich das Leben genommen durch eine Überdosis Barbiturate.

Die Depression

Sein Freitod war der Endpunkt eines langen, im Grunde lebenslangen Leidensweges, den Burger unter der unbarmherzigen Kuratel seiner endogenen Depression zu durchschreiten hatte. Ein tatsächlich "freier Schriftsteller" war er nie. Aus seiner bipolaren Störung hatte Burger nie ein Geheimnis gemacht. Ganz im Gegenteil: Ohne sich in Szene setzen zu wollen, aber mit dezidierter Passion wetterte und stritt er - im Wortsinne: schamlos - gegen sein Schicksal, das ihm, und daran bestand für den Autor kein Zweifel, ein vorzeitiges Ableben vorausbestimmt hatte. Sein Suizid wiederum lässt kaum eine andere Wahl, als Leben und Werk von diesem - auch hier lässt sich im Wortsinne sagen: tragischen - Endpunkt her zu perspektivieren. Burger rückt unweigerlich in eine Reihe von schreibenden Selbstmördern, zu denen er naturgemäß eine Affinität besaß, zumal sie wie er aus der Peripherie des deutschen Sprachraums stammten, nämlich Österreichern wie Jean Améry, Paul Celan oder Georg Trakl.

In offenkundiger Anlehnung an Wittgenstein betitelte Burger sein 1988 erschienenes Bekenntnis zum Selbstmord als "Tractatus logico-suizidalis". Diese sinistre Vorankündigung eines Unglücks tritt auf als eine aus 1046 "Mortologismen" bestehende Aphorismensammlung. In charakteristischer Unerbittlichkeit legt Burger darin sein privates System aus "Totologie" ("So nennen wir die Lehre und Philosophie von der totalen Vorherrschaft des Todes über das Leben") und der düsteren "Selbstmord-Wissenschaft" namens "Suizidologie" dar.

Anders als Amérys Pendant "Hand an sich legen" verfügt Burgers Traktat über eine durchaus ironische Ebene, wie sie in seinen Texten als Gegengewicht zum Belastenden stets präsent ist, obwohl sie dessen Überlast nie zu brechen vermag. Bei der Lektüre erschaudert man nicht selten: Etwa wenn es im 109. Mortologismus heißt: "Einen endogenen Depressiven sollte man jeden Tag öffentlich ehren, an dem er sich nicht das Leben genommen hat. Stattdessen wartet man geduldig, bis er es tut, und kondoliert dann den Hinterbliebenen."

Abwehrreaktionen

Es wäre insofern durchaus zu fragen, ob Burger nicht trotz, sondern gerade aufgrund seines Suizids weitgehend aus Verlagsprogrammen, Buchhandlungen und damit zwangsläufig auch dem Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit verschwand. Der zwangsläufig spektakuläre Umstand des Selbstmords löste nicht etwa eine voyeuristische Neugier auf das Werk aus, sondern angesichts der schonungslosen Offenheit, mit der Burger sein Fatum öffentlich bedachte, eine Abwehrreaktion. Die das Werk durchziehende Parade an Selbstmordkandidaten und Todessüchtigen ist eben kein literarisches Stilmittel, sondern eine existentielle Gratwanderung, in der das kunstvolle, wortmächtige Schreiben über den Suizid zu einer prekären Strategie wird, denselben zu vermeiden.

Wie dem auch sei, bleibt die nun vom Verlag Nagel & Kimche in acht Bänden vorgelegte Werkausgabe ein Verdienst, das nicht hoch genug zu loben ist. Da es sich um eine Leseausgabe handelt, lässt sich natürlich dies oder das als Manko monieren. Grundsätzlich zu beklagen ist insbesondere die mangelnde Vollständigkeit der Ausgabe, die leider keine unbekannten Texte aus dem Nachlass präsentiert, obwohl man davon ausgehen darf, dass dort manches lagert, was von literarischem Wert und werkbiografischem Interesse sein dürfte.

Bedauerlich ist vor allem die unvollständige Darbietung der literaturkritischen Texte. Da Burger als Privatdozent an der renommierten Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich lehrte und jahrelang für Feuilletons des deutschsprachigen Raumes schrieb, ermöglichen seine kritischen Schriften zweifellos manchen Aufschluss über das literarische Werk. Dass Burger eben keine "Germanistenprosa" schrieb, wenn er sich literaturkritisch äußerte, beweisen die inkludierten Texte, die er bereits zu Lebzeiten für seine Essaybände ausgewählt hatte. Mehr davon hätte nicht geschadet. Doch seien wir dankbar, dass es nun endlich diese längst überfällige Werkausgabe gibt.