Leipzig. "Das Erstaunliche ist, dass die Informationen aus Ungarn sehr gering geworden sind." Das monierte am Donnerstag der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger bei einer Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse, die unter dem Titel "Ungarn: Die Geister, die ich rief..." stand. Kritik wurde an der nationalkonservativen ungarischen Regierung von Viktor Orban geübt.

"Ich frage mich deshalb: Was ist los?" Wenn sich das Kritische auf dem Rückzug befinde, sei das eine gefährliche Entwicklung, sagte der Autor. Haslinger, der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lehrt und Präsident des P.E.N. ist, sagte, die ungarische Delegation des P.E.N. bei einem P.E.N.-Kongress in Island habe sich dort regierungstreu gegeben und keine Kritik an Ungarn zugelassen. "Diese Infiltrierungsmaßnahmen, die die Regierung Orban initiiert hat, scheinen zu funktionieren, wenn selbst der P.E.N. infiltriert ist", meinte Haslinger.

"Eine nach rechts manipulierte antikapitalistische Stimmung"
"Man kann nicht stark genug kritisieren", sagte Haslingers Schriftstellerkollege György Dalos. Ungarn sei eine Demokratie, aber "keine, wie wir sie in den 70er, 80er Jahren wollten, als wir die Diktatur ablösen wollten. Das ist eine Demokratie, die an den eigenen Mängeln kaputtgeht, ohne diktatorische Formen anzunehmen." Die Gesellschaft spiele keine Rolle bei den politischen Entscheidungen. Diese würden von einer Oligarchie wahrgenommen, die auf 20, 30 Jahre die Macht nicht aus der Hand geben wolle, sagte der in Berlin lebende ungarische Schriftsteller.

Er sei in den 1980er Jahren in Österreich gewesen, in der Zeit des Aufstiegs Jörg Haiders, der damals schon 20 Prozent der Stimmen erzielt hatte, sagte Dalos. "Ich sah mir damals jeden Fünften an, ob er diesen unmöglichen, niveaulosen Menschen wählen würde", sagte Dalos. Die Rechtsextremen in Ungarn hingegen hätten jede gesellschaftliche Basis verlassen. Dalos: "Das ist eine nach rechts manipulierte antikapitalistische Stimmung."

"Es ist wirklich ekelhaft"
Jobbik, der Name der rechtsextremen Opposition, bedeute die "Besseren", damit beginne die Heuchelei, sagte Imre Török, Bundesvorsitzender des Verbands Deutscher Schriftsteller. "Es scheint tatsächlich, als ob es ruhiger geworden ist, aber die Bücherverbrennungen sind in diesem Jahr deshalb geringer, weil es so stark geregnet hat", fügte Török hinzu. "Es ist wirklich ekelhaft." Es müsse hart und energisch kritisiert werden. Török sprach von einer Wortwahl von Ministerpräsident Viktor Orban, die man zuletzt in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Deutschland gehört habe.

Es sei wichtig, dass die EU alles mache, um ihre Interessen in Ungarn zu vertreten, aber sie könne dort nichts lösen, "wir brauchen keine Armee", sagte Dalos. Die ungarische Regierung könne von innen gestürzt werden. Er wolle auch nicht die großen österreichischen Parteien von der Schuld am Aufstieg Jörg Haiders freisprechen: "Man kann nicht sagen, dass alles faschistische Propaganda war", sondern der Aufstieg habe seine Ursache auch in der Unzufriedenheit der Bevölkerung gehabt. Dalos sagte, dass die jungen Menschen "in Massen" dem Jobbik zuströmten, andererseits auch zahlreich das Land verlassen würden.