Die normative Kraft der Nachwelt ist enorm. Kein toter Künstler ist ihr gewachsen. Die Nachgeborenen sind letztlich immer im Recht. Es ist jenes, das sie sich herausnehmen. Wie Naschkatzen die Rosinen aus dem Kuchen. Erlaubt ist, was gefällt. Hauptsache, es schmeckt. Und damit sind wir bei Christian Morgenstern.

Christian Morgenstern (1871- 1914) war ein deutscher Dichter. Er schrieb vornehmlich Gedichte, sowohl ernste, philosophisch und religiös inspirierte als auch heitere, humoristische, wortverspielte und sprachkritische Gedichte. Morgenstern nahm seine ernste Lyrik wichtiger als seine humoristische: jene betrachtete er als sein zentrales uvre, diese nur als "Beiwerkchen". Die Nachwelt aber kehrte die Betrachtungsweise um und rückte die dichterische Nebensache in den Mittelpunkt vergnügter Wertschätzung. Morgensterns "Galgenlieder" wurden postum zum Kenn- und Markenzeichen des Dichters gemacht.

Der "unfertige" Morgenstern - behauptete Joseph Roth - "sang von Liebesleid und Frühlingslust und Schmalzdingen . . . Der reife Morgenstern sang von einem Huhn, das in der Bahnhofshalle spaziert und den Herrn Stationsvorsteher sucht." "Kantsche Sätze in Gedichtform zu finden", - stellte Kurt Tucholsky fest - "dergleichen verdaut man heute, erzogen durch Palmströms Galgenlieder, mühelos." In früheren Zeiten gehörte Morgenstern - wie Friedrich Torberg berichtete - zum Repertoire des Bildungskanons: "wer damals nicht mindestens ein Dutzend Galgenlieder auswendig wußte, galt als Analphabet und durfte im Kreis der literarisch Interessierten nicht mitreden."

Ein Mann mit Rätseln

Auch heutzutage, wo das Auswendiglernen von Gedichten obsolet, wo nicht gar verpönt ist, verbinden Literaturkundige mit Morgenstern nicht mehr als seine Galgenpoesie, als Palmström, v. Korf und Palma Kunkel. Wenn man das Beiwerkchen zur Hauptsache erklärt, versteht man den Dichter nur beiläufig richtig und bei weitem nicht völlig.

Darauf könnte man freilich mit dem Morgenstern-Aphorismus entgegnen: "Ich halte es nicht für das größte Glück, einen Menschen ganz enträtselt zu haben." Man sollte es trotzdem versuchen, und kann es in diesem Falle getrost tun, da vieles in Morgensterns Leben und Werk durchaus rätselhaft bleibt. Der Morgenstern-Biograph Jochen Schimmang resümiert: "Der Mann, von dem manche Zeilen gleichsam kulturelles Gemeineigentum geworden sind - allen voran die, dass nicht sein kann, was nicht sein darf und dass die Möwen alle aussehen, als ob sie Emma hießen - . . . , ist merkwürdig schwer zu fassen."

Merkwürdig sind auch die Familienverhältnisse, in die Christian Morgenstern (am 6. Mai 1871 in München) hineingeboren wurde: sein Vater Carl Ernst, Großvater Christian Ernst, Urgroßvater Carl Heinrich und der Vater seiner Mutter Josef Schertel waren Landschafts- bzw. Porträtmaler. Das prägt! Aus einem Brief des jungen Christian: "Ich bin ein Maler bis in den letzten Blutstropfen hinein. - Und das will nun heraus ins Reich des Wortes, des Klanges; eine seltsame Metamorphose."

Die Mutter stirbt 1881, erst 30 Jahre alt, an Tuberkulose; eben diese Krankheit wird in den Neunzigerjahren auch Christian befallen. Der Vater heiratet wieder, sogar zweimal; ein Umstand, der die Entfremdung zum Sohn befördert. 1889, im letzten Gymnasialjahr, beginnt Morgensterns Freundschaft mit Friedrich Kayssler (später ein bekannter Schauspieler), von dem diese Beschreibung seines Freundes stammt: "Er ist sehr schlank und groß, hat einen fast kleinen Kopf mit einer sehr hohen Stirn und trägt einen gut sitzenden Anzug mit englischen Karos . . . Seine Augen sind tief und gut, aber auf ihrem Grunde schießt es hin und her von unerwarteten Listen und Einfällen . . ."

Der 35-jährige Morgenstern hat sich selbst eine "oft lebhafte, leicht und nachhaltig erregbare Phantasie" zugeschrieben, sowie "einige dichterische Begabung", "von dem beständigen Wunsch erfüllt, sich zu verinnerlichen . . . dabei von einer angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott und Gelassenheit, . . . durchdringend nur in seiner Ausdauer, immer nur ein Ziel bewußt oder unterbewußt zu verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem Außer-Ihm zu erkennen."

1895 veröffentlicht Morgenstern sein erstes Buch: "In Phanta’s Schloß. Ein Cyklus humoristisch-phantastischer Dichtungen". Um den Lebensunterhalt zu sichern, erweist sich Morgenstern als ein vielseitig begabter literarischer Auftragsarbeiter: er verfasst Zeitschriftenartikel und Kabaretttexte, er ist als Dramaturg und Lektor tätig, er übersetzt für den S. Fischer Verlag Theaterstücke von Henrik Ibsen. Dazu lernt er Norwegisch, verbringt über ein Jahr in Ibsens Heimat und lernt den berühmten Autor persönlich kennen. Darüber vernachlässigt er seine eigene lyrische Produktion nicht ("Auf vielen Wegen", 1897, "Ich und die Welt", 1898, "Ein Sommer", 1900, "Und aber ründet sich ein Kranz", 1902).