Der eigene Garten (plus Solaranlage und 3D-Drucker) kann viel Geld wert sein. - © D. Brownsword/cultura/corbis
Der eigene Garten (plus Solaranlage und 3D-Drucker) kann viel Geld wert sein. - © D. Brownsword/cultura/corbis

Zwei neue Bücher belegen, dass sich die Globalisierungskritik längst nicht mehr mit der passiven Analyse des schrankenlosen Kapitalismus begnügt. Das Buch von Attac-Österreich-Mitbegründer Christian Felber gibt eine konkrete Anleitung, wie Bürger die Macht des Geldes und der Finanzmärkte brechen können. Die Schweizer Journalisten und Ökonomen Philipp Löpfe und Werner Vontobel nehmen den klassischen Feind der Globalisierungskritik ins Visier: die multinationalen Konzerne.

Diese Multis erleichtern nur auf den ersten Blick unser Leben, indem sie große Mengen dort produzieren, wo die Kosten am niedrigsten sind, meinen Löpfe und Vontobel. Die versteckten Kosten für die Menschen und ihr soziales Gefüge dahinter wollen die beiden Autoren sichtbar machen. Auf den ersten Blick liefere zum Beispiel die globale Nahrungsmittelindustrie billige Produkte, die lange halten und nur noch aufgewärmt werden müssen.

Mainstream-Ökonomen und Politiker auf einem Auge blind


Der zweite Blick: die Entsolidarisierung, wenn nur noch aufgewärmt statt gemeinsam gekocht wird; billige Zutaten wie Salz, Zucker und Fett, deren Anteil möglichst hoch sein muss, damit die Gewinne passen; Gehälter, die wegen der erwünschten Gewinne so niedrig sein müssen, dass Arbeiter "auf der untersten Stufe der Nahrungsmittelindustrie de facto zu Sklaven" werden; Dividenden, die nicht in die lokalen Kreisläufe zurückfließen, sondern an Aktionäre der Multis und den Geldadel; Staaten, die beim selben Geldadel Schuldenberge anhäufen, damit der soziale Friede trotz wachsender Kluft aufrecht bleibt. Auf diesem Auge seien Mainstream-Ökonomen und Politiker blind, wenn sie vom Standortwettbewerb und vom nötigen Kampf gegen die Schuldenberge sprechen.

Die Antwort von Philipp Löpfe und Werner Vontobel: lokal statt global. Sie sprechen von Selbstversorgung, der Kraft der Kommune und Lokalwährungen. Das klingt zunächst wie Roland Düringer, der sich ohne Handy in seinen Garten zurückgezogen hat, den er gelegentlich noch aus Protest gegen die Hypo-Rettung verlässt. Doch die Autoren sind sich bewusst, dass die Zukunft in der Stadt liegt, und sie beschwören die Symbiose aus Bio und Technik. Wer einen Stadtgarten, eine Solarzelle am Dach und einen 3D-Drucker zur Herstellung der wichtigsten Güter hat, könne sich aus dem Getriebe der Multis zunehmend ausklinken.

Durch kluge Stadtplanung, Mindestlöhne und niedrigere Arbeitszeiten, die Raum für lokale Aktivitäten lassen, sollen "Rückkoppelungen" entstehen und lokale Kreisläufe in Schwung bringen. Die Autoren sehen den Trend längst in diese Richtung gehen: Lange Lieferwege seien wegen der Verkehrsproblematik ohnedies kaum noch bewältigbar, die Kosten für das lebenswichtige (aber auf lokaler Basis unnötige) Marketing der Multis exorbitant.

Felbers Traum: In jeder Gemeinde ein Geldkonvent


Plädieren Löpfe und Vontobel für einen Bewusstseinswandel, entwirft Felber gleich einen Masterplan für eine neue Geldordnung: den demokratischen Geldkonvent. Die Bürger sollten auf kommunaler Ebene "das Zepter selbst in die Hand nehmen und in dezentralen Versammlungen über die Grundprinzipien einer alternativen Geldordnung entscheiden". Im Anhang des Buches findet sich "als Service für Konvente" ein Fragenkatalog. Die Punkte reichen von "Wer darf Bargeld schöpfen?" über "Was soll mit der Weltbank geschehen?" bis hin zu "Sollen Kreditausfallsversicherungen zugelassen werden?"

Felbers "Traum": Dass in jeder Gemeinde von einigen Personen ein Geldkonvent diskutiert wird und die Bewegung so stark wird, dass Parlamente darauf mit neuen Gesetzen reagieren müssen.

Sachbücher

Geld. Die neuen Spielregeln. Eine alternative Geldordnung für eine faire Wirtschaft.

Christian Felber

Deuticke Verlag, 304 Seiten, 19,50 Euro

Wirtschaft boomt - Gesellschaft kaputt. Eine Abrechnung.

Werner Vontobel, Philipp Löpfe

Orell Füssli, 224 Seiten, 20,60 Euro