Aber wie auch immer man dazu steht - eines ist sicher: Aus allen Texten Sebalds spricht jene eigenständige Stimme, die von manchen Rezensenten auch "der Sebald-Sound" genannt wird: "Tage- und wochenlag zermartert man sich vergebens den Kopf, wüßte, wenn man danach befragt würde, nicht, ob man weiterschreibt aus Gewohnheit oder aus Geltungssucht, oder weil man nichts anderes gelernt hat, oder aus Verwunderung über das Leben, aus Wahrheitsliebe, aus Verzweiflung oder Empörung, ebensowenig wie man zu sagen vermöchte, ob man durch das Schreiben klüger oder verrückter wird."

Diese Passage aus dem England-Reisebericht "Die Ringe des Saturn" ist ein typischer Sebald-Satz: In ungewohnter Wortstellung, nicht frei von Düsternis, dabei aber wohlgegliedert und keineswegs unverständlich.

Pünktlich zum siebzigsten Geburtstag des früh Verstorbenen stellt der Germanist Uwe Schütte nun einen weniger bekannten Aspekt des Sebaldschen Werks vor: die Lyrik. Schütte, der auch im "extra" als Literaturkritiker präsent ist, hat bei Sebald in Norwich dissertiert, und ist ein ausgewiesener Kenner der Werke seines Doktorvaters. 2011 hat er eine allgemeine Einführung in Sebalds Werk verfasst, nun beschäftigt er sich mit Sebalds Gedichten.

Der Prosaist als Poet

Die Lyrik spielt in Sebalds Gesamtwerk eine geringere Rolle als die Prosa, verdient aber doch Beachtung, wie Schütte überzeugend darstellt. Immerhin begann Sebalds literarische Laufbahn mit einem weit ausholenden Poem in drei Teilen, das vom Autor selbst als "Elementargedicht" bezeichnet wurde und 1988 unter dem Titel "Nach der Natur" als Buch erschien.

Sebald stellt hier drei Lebensläufe nebeneinander, die bei allen historischen Verschiedenheiten eine anthropologische Gemeinsamkeit haben: Der Maler Matthias Grünewald, der Forschungsreisende Georg Wilhelm Steller und der Autor selbst erscheinen als unterschiedliche Akteure in jener "elementaren" Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, die in Sebalds Sicht auf eine Zerstörung der Natur (und damit des Menschen) hinauslaufen wird. Das anspruchsvolle Werk ist in freien Rhythmen gehalten, was beim Lesen ein Gedichtgefühl erzeugt. Aber Schütte hat wohl recht, wenn er meint, "dass der Text sich kaum von der Kunstprosa Sebalds unterscheidet".

Anders ist das bei den sehr kurzen Gedichten, die Sebald in ganz jungen, und dann wieder in seinen letzten Jahren geschrieben hat. Diese "Mikropoesie", wie Schütte sie nennt, ist keine lyrisierte Prosa, sondern poetische Augenblickskunst. Schüttes kompetente Studie schließt mit einem dieser Gedichte, das sich auch hier als Schlusswort eignet:

Zuletzt
werden bloß soviel
überbleiben als
herumsitzen können
um eine Trommel.

Hier haben wir ihn wieder, den "Sebald-Sound" - wenn auch zur Abwechslung einmal in seiner lyrischen Variante.

Uwe Schütte: Figurationen. Zum lyrischen Werk von W.G. Sebald. Edition Isele, Eggingen 2014, 164 Seiten,15,- Euro.