Max Brod war knapp ein Jahr jünger als sein verehrter Freund Kafka, mit dem er in Prag aufwuchs, doch er überlebte den begnadeten Autor um 34 Jahre. Brod emigrierte 1939 nach Israel, arbeitete als Herausgeber, Publizist und Theaterregisseur und starb (am 20. Dezember 1968) 84-jährig in Tel Aviv.

Obwohl er Kafkas Werk für die Nachwelt rettete, ist Brod wegen seiner Editionsstrategie umstritten. In seinem Wunsch, den fragmentarischen Texten Kafkas den Anschein eines stimmigen Ganzen zu geben, hatte er weit übers Ziel hinausgeschossen. Die Kritische Ausgabe der Kafka-Werke, die seit rund zwei Jahrzehnten bei S. Fischer erscheint, machte die Eingriffe wieder rückgängig und orientierte sich, wenn auch nicht in jedem Detail, an den Manuskripten Kafkas.

Damit verblasste das literarische Erbe Brods zunehmend. Seine eigenen Werke waren bis vor kurzem nur mehr antiquarisch erhältlich, Brod schien als Autor der Vergessenheit anheimgefallen zu sein. Doch das hat sich geändert, seit der Göttinger Wallstein Verlag im Vorjahr begann, Brods Werk wieder aufzulegen. Mittlerweile sind sechs Bücher lieferbar.

Jus-Studium in Prag

Brods Biografie steht vor allem in den ersten vier Jahrzehnten im Schatten jener Kafkas. Um die Jahrhundertwende studierten Max Brod und Franz Kafka gemeinsam Rechtswissenschaften an der deutschen Ferdinand-Karls-Universität in Prag. Der Studienplan unterschied sich nicht maßgeblich von dem in Wien vorgesehenen Curriculum. Drei kommissionelle Staatsprüfungen und drei Rigorosen waren zu bewältigen, hingegen musste weder eine Dissertation noch eine sonstige wissenschaftliche Arbeit vorgelegt werden, um das Doktorat zu erlangen.

Die Donaumonarchie hatte einen großen Bedarf an Juristen, die in Bezirkshauptmannschaften und -gerichten praktisch einsetzbar waren und die sich nicht in ausufernde akademische Debatten verlieren sollten. Die beiden Jugendfreunde ächzten unter der trockenen Studienliteratur. Man habe sich in der Lernphase "wochenlang buchstäblich von Holzmehl" ernährt, berichtete Kafka, der seine Staatsprüfung aus Finanzwissenschaften und öffentlichem Recht als "lustig, wenn auch nicht sehr kenntnisreich" umschrieb.

Sowohl Brod als auch Kafka stammten aus bürgerlichen, jüdischen Familien und sie studierten Jus vor allem ihren Eltern zuliebe, denen der Aufstieg in die akademische Welt als Höhepunkt der Assimilierung in Prag erschien. Unausgesprochen aber boykottierten beide eine weitere juristische Karriere, um sich der geliebten Schriftstellerei widmen zu können. Nach Abschluss der Rechtspraxis suchte Franz Kafka im Jahr 1906 einen gemütlichen Arbeitsplatz, um weiterhin, zumindest nächtens, "kritzeln" zu können. So geringschätzig bezeichnete er seine hochkreative Tätigkeit, die aus heutiger Sicht Weltliteratur entstehen ließ, wenn auch unter psychischen Qualen.

Kafkas Vater, ein Prager Galanteriewarenhändler, der die Dohle ("kavka" auf Tschechisch) als Markenzeichen nutzte, hätte den Sohn gerne als Rechtsanwalt oder Unternehmer gesehen, dasselbe galt für die Familie Brod. Aber die Söhne hatten, wie gesagt, andere Pläne. Der umtriebige Brod suchte den Kontakt zu den großen deutschen Verlagen in Leipzig, Berlin und Dresden. Kafka wiederum hielt es nicht lange an seinem ersten Arbeitsplatz bei der Assecurazioni Generali, einer heute noch wichtigen Triester Versicherung mit Sitz in allen größeren Städten Europas. Statt an den versprochenen exotischen Plätzen saß Kafka in Prag, musste zwangsweise Italienisch lernen und litt unter dem hektischen Betrieb der auf Lebens-, Feuer- und Sachversicherung spezialisierten k.k. Gesellschaft.

Die vorläufige Rettung bot der halbstaatliche Sektor. Während Kafka sich bei der Arbeiter-Unfall-Versicherung für das Königreich Böhmen bewarb, peilte Max Brod eine Tätigkeit bei der Post an. Statt Freund Max zur Anstellung als provisiorischer Post-Jurist zu gratulieren, griff Kafka zu einer für ihn typischen, ironisch-satirischen Formel. Er bezeichnete den Arbeitgeber des Kollegen, die in allen Teilen der k.u.k. Monarchie einheitlich auftretende, schwarzgelbe Post, als "Amt ohne Ehrgeiz". In der AUVA bemühte sich der Beamte Kafka zwar um die Unfallvorsorge und besprach eifrig Erkenntnisse des k.k. Verwaltungsgerichtshofes, aber wenn es darum ging, widerspenstigen Gewerbetreibenden in Gablonz den Sinn der neuen Beiträge und der Versicherungspflicht zu erklären, geriet auch er an die Grenzen seiner Ambitionen.

Max Brods Leben währte zwar doppelt so lang wie Kafkas Erdendasein von vier Lebensjahrzehnten, aber es ist abgesehen von der Jugend- und Studienzeit weniger intensiv erforscht worden als jenes des berühmteren Freundes. Gewiss waren die Begabungen und Neigungen der beiden recht unterschiedlich verteilt - wenn man bedenkt, wie neuartig, prägnant und verstörend Kafkas Werke, beginnend mit dem "Urteil" aus 1913, sind. Brods Talent konnte hier nicht mithalten, aber in der Selbstdarstellung und beim Verkaufen von Projekten schlug er den Freund um Längen. Brod knüpfte unaufhörlich neue Kontakte, als Marketing-Agent stellte er im Literaturbetrieb früh seinen Mann. Auch als Schriftsteller war er zu Lebzeiten dank seines bemühten Auftretens erfolgreicher als Kafka.