Pokornig
Pokornig

Die Fußball-WM in Brasilien lenkt den Blick der Öffentlichkeit - nicht nur der sportinteressierten - unweigerlich auf den Südteil des amerikanischen Kontinents. Dass diesmal nicht nur von Sambastimmung und guter Laune die Rede ist, sondern auch von den sozialen Problemen des Gastgeberlandes mag manchen irritieren, ist aber durchaus zu begrüßen und zeigt, dass sich die Wirklichkeit nicht mehr so leicht den Wünschen der Funktionäre von FIFA, IOC und sonstigen korrupten Altherrenklubs fügt.

Wie hart, schrill, bizarr, rätselhaft und schön die Realität zwischen der mexikanisch-amerikanischen Grenze und Patagonien ist, zeigt ein ganz wunderbarer Band, der 17 "crónicas" aus Lateinamerika versammelt. Diese Form der Reportage, die nichtfiktionale Anteile mit literarischen Darstellungsweisen verbindet, will vor allem eines: den Blick schärfen für das Individuum und zugleich zeigen, dass jeder Einzelne in seinem Tun von den politischen, sozialen, ökonomischen, kulturellen Umständen bestimmt wird. Diese Texte sind insofern nicht nur poetisch, sondern auch zutiefst politisch.

Und so berichten sie von der 15-jährigen Silvina, die ihr Geld mit Entführungen verdient, vom berühmtesten Totenwachenkomiker Kolumbiens, der die Hinterbliebenen am Sarg mit Witzen unterhält, von den Amazon Boys, die sich als Liebhaber exotiksüchtiger "Gringas" verdingen, von den traurigen Nilpferden aus dem Privatzoo des Drogenbosses Pablo Escobar, die durch Kolumbien streifen, und vom Sterben in der Hölle der Wüste von Arizona, wo die Hoffnung auf ein besseres Leben erbarmungslos zunichte gemacht wird.

Die Geschichten wollen keine Meinungen bestätigen, sondern die Augen öffnen, fragen, irritieren - so wie bei Silvina, die keine wirkliche Wahl hatte als kriminell zu werden und doch nichts lieber als ein ganz normales Leben führen würde. Sie ist "einer dieser Fälle, bei denen man die Sicherheit im Urteil komplett verliert". Ein großartiges Buch.

Carmen Pinilla, Frank Wegner (Hrsg.): Verdammter Süden. Das andere Amerika. Übersetzt von Frank Wegner. Suhrkamp, Berlin 2014, 315 Seiten, 20,60 Euro.