Die Lektüre eines neuen Romans des Goncourt-Preisträgers Patrick Modiano ist wie die Heimkehr in eine vermeintlich vertraute Welt: Charaktere mit angedeuteter düsterer Vergangenheit, darunter ein älterer Ich-Erzähler (oder eine Ich-Erzählerin), der in seine Jugend abtaucht, gehören genauso dazu wie die präzise Verortung des Geschehens in der Pariser Stadtlandschaft. Die lückenhaften Erinnerungssequenzen vermitteln oft nur die Ahnung einer Geschichte. Vieles bleibt im Dunkeln, verschwommen, rätselhaft.

Der Anfang von Modianos neuem Roman "Der Horizont" gibt Tenor und Thema vor: "Seit einiger Zeit dachte Bosmans an gewisse Episoden seiner Jugend, folgenlose, jäh abgebrochene Episoden, namenlose Gesichter, flüchtige Begegnungen.

Das alles gehörte zu einer fernen Vergangenheit, doch weil diese kurzen Sequenzen nicht verbunden waren mit dem Rest seines Lebens, blieben sie in der Schwebe, in einer ewigen Gegenwart. Er würde nicht aufhören, sich Fragen zu stellen, und er würde nie eine Antwort erhalten."

Eine dieser Episoden ist die Liebesgeschichte Jean Bosmans mit Margaret Le Coz. Sie lernten sich in den siebziger Jahren bei einer Demo kennen und sahen sich ein paar Wochen lang häufig. Was genau zwischen ihnen war, lässt Modiano offen, ebensowenig erfahren die beiden voneinander. Zwei Menschen, die sich fremd bleiben, ohne Halt, mit Verfolgungswahn oder echten - grotesken - Verfolgern, auch dies zweideutig. Eines Tages verschwindet Margaret so unvermittelt und spurlos, als hätte es sie nie gegeben.

Bosmans aktive Suche nach den fehlenden Teilen in seiner Erinnerung und seine Meditation über die Schatten der Vergangenheit führen ihn vom alten Paris über die neuen Stadtviertel an der Seine bis ins heutige Berlin.

Der Großteil des Romans spielt vor einem Hintergrund, der an nostalgische Paris-Postkarten in Schwarzweiß erinnert. Davor bleiben die Charaktere schablonenartig und blass, ohne Bezug zu ihrer Umgebung. Die Sprache: schlicht, leise und klar. Die Stimmung: melancholisch, manchmal romantisch sehnsüchtig, dann beklemmend oder spannend wie ein Film noir.Ein schöner Roman, der die Lückenhaftigkeit und Vergänglichkeit von Erinnerungen vor Augen führt.

Patrick Modiano: Der Horizont. Roman. Übersetzt von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München 2013, 176 Seiten, 18,40 Euro.