Bennettsche Schicksale vollziehen sich zwangsläufig wie eine griechische Tragödie, schlagen sich jedoch eher aufs Zwerchfell als auf den Magen . . . - © Zauner
Bennettsche Schicksale vollziehen sich zwangsläufig wie eine griechische Tragödie, schlagen sich jedoch eher aufs Zwerchfell als auf den Magen . . . - © Zauner

Seine Theaterstücke und Fernsehserien machten ihn berühmt. Seit Mitte der Neunziger Jahre verfasst der Dramatiker, Regisseur und Schauspieler Alan Bennett auch noch Prosa, die ins Auge sticht: Die in das rote Leinen des Wagenbach-Verlags verpackten Bücher umfassen selten mehr als 150 Seiten, sind aber trotzdem zu einem ordentlichen Stapel angewachsen.

Es sind vor allem kleine Leute und schräge Vögel, die Bennetts Bücherberg bevölkern. Einmal von ihrem Autor aus der Bahn geworfen, machen sie großartige Figur. Das kann ein harmloses, konservatives Ehepaar sein, das am Abend nach einer Vorstellung von "Cosi fan tutte" nicht nur seine Wohnung leergeräumt, sondern auch den Rahmen seiner Existenz gesprengt findet. Bennett literarisiert Obdachlose ("Die Lady im Lieferwagen") ebenso unvoreingenommen wie sich selbst ("Untold Stories") oder die Queen ("Die souveräne Leserin").

Skurrilität und Spleen


Bennettsche Schicksale vollziehen sich zwangsläufig wie eine griechische Tragödie, schlagen sich jedoch eher aufs Zwerchfell als auf den Magen. Je größer die Skurrilität, umso lakonischer erzählt Bennett davon. Bei einer literarischen Blindverkostung würde man ihn allein schon an den Spleens seiner Figuren als britischen Autor erkennen. Und auch an einem in fast jedem Buch abgedruckten kanonischen Verlagsfoto, das Bennett im Herrenschneider-Anzug auf seinem Landsitz mit einem Hausschwein an der Leine zeigt.

Sein jüngstes Buch offenbart den weiten Weg, den er zu solcher Souveränität zurücklegen musste. Es ist eigentlich schon vor fünf Jahren herausgekommen und nun zum 80. Geburtstag des Autors auf Deutsch erschienen. "Leben wie andere Leute" ist eine Geschichte in eigener Sache, die Geschichte seiner Familie. Sie ist, komisch und tragisch zugleich, gar nicht so verschieden von anderen Bennett-Geschichten. Nach ihrer Pensionierung ziehen die Eltern des Autors aufs Land. Doch die Idylle, die nun beginnen soll, gerät zum Alptraum: Die Mutter verfällt in eine schwere Depres- sion.

Jede Familie hat ein paar Ankerpunkte, um die sich ihr Leben dreht. Das Hauswort der Bennetts heißt Schüchternheit. Mam und Dad sind dermaßen schüchtern, dass sie als junge Leute sogar um einen Dispens einkommen, um im Morgengrauen ohne Aufgebot heiraten zu können. Deshalb gibt es auch keine Hochzeitsfotos. Es ist eines der Familiengeheimnisse, hinter die der kleine Alan nach und nach kommt.