Die Postmoderne, die alle Welt beleckt, hat längst auch auf die Lyrik sich erstreckt, und verbreitet dort eine freizügige Lebensstimmung, die sich selbst genügt. So eine Stimmung herrscht nun in Verlagen und Redaktionen, in der Literaturkritik und -wissenschaft, was jenen Prosaautoren zugute kommt, die sich auch als Lyriker profilieren wollen.

Dazu ein Beispiel aus dem Gedichtband "Die Vogelstraußtrompete" von Clemens J. Setz.

Sub Luna
In seinem Werk über die antiken Begräbnisurnen
auf einem Feld in Norfolk
erwähnt Sir Thomas Browne
die Todesursache planet-struck
Eine Fußnote erklärt:
killed supposedly by the influence
of a malign planet

Ist ein Schriftsteller früher bei seiner Lektüre belletristischer oder fachspezifischer Literatur auf eine bemerkenswerte Stelle gestoßen, hat er sie notiert und vielleicht bei nächster Gelegenheit als Motto einem Roman vorangestellt, einem Essay oder einem Aufsatz eingefügt. Clemens J. Setz macht aus so einer Notiz ein Gedicht. Warum macht er’s? Warum macht er sich’s so leicht? Vielleicht, weil’s ihm eben so leicht gemacht wird durch die weit verbreitete, weithin gültige freizügige (einem Wittgenstein-Wort nachgebildete) Maxime: Lyrik ist alles, was der Zeilenfall ist.

Vielleicht will sich Setz aber nur einen konkreten Spaß aus der Anything goes-Theorie machen - worauf der humoristische Fort-Satz eines erotischen Goethe-Bekenntnisses hinzuweisen scheint. Setz ist nämlich, das hat er auf prosaische Art ja schon bewiesen, eigentlich ein kluger, witziger, empfindsamer, selbstbewusster Mann, durchaus kein mit dem Mainstream Schwimmer und kein nach der Mode Schreiber. Er kann, wenn er will, nämlich wirklich Gedichte machen, etwa so:

Motte
Seit Tagen schon warte ich
dass sie zurückkehrt
aus der Flamme, geheilt
von ihrer gefährlichen Neigung.

Ja, und auch etliche gelungene lyrische Geständnisse persönlicher Vorlieben (von "Bill Evans, My Man’s Gone Now" bis zu Gegensprechanlagen) sind in diesem Bändchen enthalten. Vielleicht dürfen wir gar hoffen, dass Setz - als Ergänzung zu seiner eher pa-rodistischen Sonett-Paraphrase - einmal ein richtiges solches Gedicht schreibt, auf klassische Weise in gereimten Blankversen.

Clemens J. Setz: Die Vogelstraußtrompete. Gedichte. Suhrkamp, Berlin 2014, 84 Seiten, 16,50 Euro.