"Broadly speaking, the central fact is that the return on capital often inextricably combines elements of true entrepreneurial labor (an absolutely indispensable force for economic development), pure luck (one happens at the right moment to buy a promising asset at a good price), and outright theft."

Thomas Piketty (2014; 446)

Nobelpreisträger Paul Krugman hat in der "New York Times" den neuen Bestseller des französischen Ökonomen Thomas Piketty "Capital in the 21st Century" als "das wichtigste Buch des Jahres, möglicherweise des Jahrzehnts" bezeichnet. Die Verkaufszahlen des Buches sprengen in der Tat jede Erwartung: Harvard University Press spricht vom meistverkauften Buch in der 101-jährigen Verlagsgeschichte. Artikel zu und Rezensionen von Pikettys Buch finden sich von "Science" bis zur "New York Times" in allen bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften dieser Welt. Der Festsaal der Arbeiterkammer Wien, wo Piketty heute sein Buch vorstellen soll, ist mit einer Kapazität von 600 Personen seit Wochen ausgebucht und die Präsentation muss aufgrund der doppelten Überbelegung in zwei angrenzenden Sälen mittels Videoübertragung ausgestrahlt werden: Woher kommt die enorm intensive Rezeption dieses Buches in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften? Woher das überbordende Interesse von Medien und Öffentlichkeit?

Thomas Piketty ist 43 Jahre jung und arbeitet seit mehr als 20 Jahren zur Einkommens- und Vermögensverteilung. Piketty hat gemeinsam mit anderen Forschern - etwa dem britischen Doyen der Verteilungstheorie Anthony Atkinson (siehe nebenstehendes Interview) und dem renommierten US-amerikanischen Ökonomen Emmanuel Saez - eine Datenbank über die Entwicklung der Einkommenskonzentration für das vergangene Jahrhundert erarbeitet.

Anämische Wirtschaft, aber glückliche Millionäre

Zunächst zeigt Piketty, dass die Einkommenskonzentration in den USA seit der Weltwirtschaftskrise 1929 bis Ende der 1970er Jahre gesunken, seitdem jedoch wieder stark angestiegen ist. Die Entwicklung in Europa ist der Tendenz nach ähnlich, wenngleich nicht so ausgeprägt. Da Vermögen jedoch eine Grundvoraussetzung zur Erzielung von (sehr hohen) Einkommen ist, ist die Analyse der Vermögensentwicklung für die Erforschung der gesamten individuellen (Kapital- und Arbeits-) Einkommen zentral: Insbesondere Top-Einkommen weisen einen sehr hohen Anteil an Kapitaleinkommen auf. Diese sind eine bedeutende Determinante der Entwicklung der gesamten Einkommensungleichheit.

Generell gilt, dass die Verteilung der Vermögen im Vergleich zu jener der Einkommen wesentlich ungleicher ist. Während die reichsten zehn Prozent der Einkommensbezieher zumeist 25 bis 35 Prozent der Gesamteinkommen erzielen, besitzt das oberste Zehntel der Vermögensbesitzer aktuell zwischen fünfzig und siebzig Prozent der gesamten Vermögen. Die untere Hälfte besitzt demgegenüber mit weniger als fünf Prozent so gut wie nichts. Der Grund für diese enorme Konzentration ist, dass Vermögen in der Regel über Generationen aufgebaut beziehungsweise vererbt wird, während Einkommen stärker auch durch kurzfristige Faktoren bestimmt werden.

Piketty zeigt für Deutschland, Frankreich und Großbritannien, dass das Verhältnis von Privatvermögen zur Wirtschaftsleistung aktuell zwischen 400 Prozent bis 600 Prozent beträgt; er zeigt auch, dass sich diese Relation in allen drei Ländern in den vergangenen fünfzig Jahren mehr als verdoppelt hat. Diese Entwicklung zeugt nicht nur von einem außergewöhnlichen ökonomischen Bedeutungsgewinn von Vermögen, sondern auch von seinem politischen Zugewinn.

Aufgrund niedriger Produktivitäts- sowie Bevölkerungszuwächse zeigen sich aktuell nur sehr schwache gesamtwirtschaftliche Wachstumsraten, die - bedingt auch durch hohe Arbeitslosigkeit - Arbeitseinkommen nur schwach steigen lassen. Dagegen wachsen die Kapitalbestände aufgrund einer konstant hohen Spar- und Investitionsneigung wesentlich schneller als das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Aufgrund der kaum sinkenden Ertragsraten auf Vermögen ändert sich jedoch auch die Verteilung des Volkseinkommens zugunsten des Faktors Kapital. Verstärkt wird diese ungleiche Verteilung zudem noch durch das Faktum, dass große Vermögensbestände - also jene von Individuen, Fonds oder Unternehmen - aufgrund einer mit der Höhe der Vermögens steigenden Verhandlungsmacht sowie bedingt durch Skalenerträge in der Vermögensverwaltung - ungleich höhere Ertragsraten aufweisen als kleinere Vermögensbestände. Somit weisen kleine Sparguthaben aufgrund der niedrigen Verzinsung häufig eine negative Realverzinsung auf, während große Vermögen aufgrund mannigfacher Gestaltungsmöglichkeiten beträchtlich überdurchschnittliche Ertragsraten aufweisen. Dies treibt die Verteilung der Vermögenseinkommen selbst nochmals auseinander.

Piketty wagt auch eine Prognose für das 21. Jahrhundert und kommt dabei zu der besorgniserregenden Einschätzung, dass - insbesondere aufgrund der geringen Wirtschaftswachstumsraten sowie der hohen Ertragsraten des Faktors Kapital - sowohl die Vermögensungleichheiten als auch die Einkommensungleichheiten (weiter) verschärft werden. Gleichzeitig erwartet er auch eine zunehmende Bedeutung des vererbten Vermögens, da ein Vermögensaufbau durch Arbeit alleine immer weniger möglich ist. In diesem schrittweisen Übergang von einer eher leistungsorientierten Gesellschaft (Meritokratie) zu einer stärker erbschaftsorientierten Gesellschaft (Patrimonium) sieht Piketty eine potenzielle Gefahr für die demokratischen Grundstrukturen unserer Gesellschaft.