An einer Stelle des Romans fällt die verzweifelte Frage: "Wie überstehen denn andere Leute ihr Leben?" Dieser Satz erweist sich als Motor für die meisten Romane des amerikanischen Großschriftstellers Richard Yates (1926-1992). Wiederentdeckt wurde der zu Lebzeiten kaum beachtete Autor erst nach seinem Tod. Plötzlich war sein revolutionäres Erstlingswerk "Zeiten des Aufruhrs" in aller Munde. Bekannter wurde es noch in der grandiosen Verfilmung von Sam Mendes aus dem Jahr 2009, mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen.

Auf Deutsch erscheinen Yates’ Bücher seitdem in schöner Regelmäßigkeit und ebenso schön aufgemacht in der Deutschen Verlags-Anstalt. Die Originalausgabe von "Eine strahlende Zukunft" kam in Amerika bereits 1984 unter dem umwerfenden Titel "Young Hearts Crying" heraus. Und wieder nimmt sich Yates seine Figuren gnadenlos vor, beäugt sie genau und stattet sie mit beängstigender Wahrhaftigkeit aus.

Diesmal leben und leiden Michael Davenport und Lucy Blaine im Mittelpunkt des Geschehens. Zuerst werden sie ein vorbildliches Paar, bekommen ein Kind, dann dreht ihre Ehe manche Ehrenrunde und schließlich trennen sich die beiden, wie andere Leute auch. Es gibt wenige Schriftsteller, die die ungeheure Trostlosigkeit solcher Unausweichlichkeiten derart trostlos schildern wie Yates. Das erste Kapitel lässt er um das Paar kreisen, das zweite um Lucy und das dritte und letzte um Michael. Schon auf den ersten Seiten erweist sich Yates abermals als Meister der Zeitraffung, Jahre schnurren bei ihm auf wenigen Seiten zusammen.

Der Roman beginnt in den 40er Jahren und windet sich bis in die 70er Jahre hinein. Es sind die Zeiten, in denen nicht wenige versuchten, sich selbst zu befreien: von Ideologien und Moralvorstellungen. Sexuelle Revolutionen, Hippies, Exzesse und Extravaganzen, Drogen und Rock’n’Roll. Yates nutzt das als bunten Zeitrahmen für eine Geschichte, die beredt vom Überdruss erzählt. Jenem Überdruss, der vom Leben abhält, Michael zum Trinken animiert und Lucy zum Träumen.

"Eine strahlende Zukunft" erweist sich in mancherlei Hinsicht als Mischung aus den früheren Romanen "Zeiten des Aufruhrs" und "Ruhestörung". In letzterem beschrieb Yates das irre Innenleben des berüchtigten Krankenhauses "Bellevue" in New York, das auch nun wieder zur Anlaufstelle des Romans wird. Zwar nimmt es nicht so großen Raum ein wie in "Ruhestörung", dient aber doch als Chiffre für die Verfasstheit der Menschen.

"Eine strahlende Zukunft" ist Künstlerroman, Eheroman und Zeitpanorama in einem. Es sind die Geschichten vom Scheitern, die Yates interessieren. Michael versucht sich als Schriftsteller zu etablieren, seine Freunde und Bekannten sind Dichter und Maler, seine Frau probiert es mit der Schauspielerei. Das Leben der Protagonisten spielt sich irgendwo zwischen Kunst und Psychotherapie ab. Yates spart nichts aus, erzählt von Konkurrenz, ungeratenen Kindern und Abstürzen aller Art, redet nichts klein, ob Todesangst, Wahnsinn oder Impotenz. Dabei geraten seine Ausführungen weder anklagend noch badet er in Mitgefühl. Nein, sehr nüchtern, beinahe kühl, immer aber unheimlich präzise rückt er seinen Figuren auf den Leib, wobei diese ihm so wenig entkommen wie seine Leser.

Richard Yates: Eine strahlende Zukunft. Roman. Übersetzt von Thomas Gunkel. DVA, München 2014, 492 Seiten, 23,70 Euro.