Überehrgeizige und von sich eingenommene Schriftsteller sind nicht die sympathischste Spezies Mensch. Aber sie könnten sich gut als vielschichtige Hauptfiguren eines Romans eignen. Könnten, wenn . . . Ja, woran liegt es, dass der Roman "Was aus uns wird" des in New York lebenden gebürtigen Franzosen David Gilbert nie so richtig in Fahrt kommt und trotz etlicher brillant geschriebener Passagen als Gesamtwurf letztlich nicht überzeugt?

Vielleicht liegt es daran, dass ihm im Verlauf der Arbeit am Manuskript nicht mehr ganz klar gewesen sein könnte, welche Geschichte er nun eigentlich erzählen wollte: Die Geschichte des berühmten alten Schriftstellers A. N. Dyer, der am Ende seines Lebens erkennen muss, für Erfolg und Eitelkeit einen zu hohen emotionalen Preis bezahlt zu haben? Die Geschichte der Freundschaft des Bestsellerautors mit dem Vater des Ich-Erzählers, die geprägt war von der Arroganz des im Rampenlicht stehenden Schriftstellers gegenüber dem weniger erfolgreichen Freund? Die Geschichte des Ich-Erzählers, der dieses Ungleichgewicht nicht aufzuheben vermag und sich an die Familie A. N. Dyers anbiedert? Die Geschichte einer höchst komplizierten Vater-Söhne-Beziehung, an der die Söhne verzweifeln, weil ihre künstlerische Arbeit ständig am Erfolg ihres Vaters gemessen wird?

David Gilbert erzählt alle diese Geschichten und noch ein paar mehr. Das ist zu viel, die "erzählerische Wucht", von der im Klappentext zu lesen ist, verliert sich in etlichen unwichtigen, mitunter auch unglaubwürdigen Episoden. Das Panorama der Literaturwelt New Yorks ist zu vordergründig auf die Entlarvung dummer Eitelkeiten ausgerichtet und die Charaktere bleiben seltsam konturlos.

Dass der Ich-Erzähler oft die Perspektive des allwissenden Erzählers einnimmt, ist ein bewusster Kunstkniff und stört nicht so sehr wie die Anklänge ans Science-Fiction-Genre im zweiten Drittel des Romans. Da ist von sogenannten "Palingenetikern" die Rede, deren faschistoiden Verführungen der berühmte Schriftsteller erliegt. Vielleicht handelt es sich auch bloß um Alters-Fiction, um eine Art geistiger Verwirrung, die A. N. Dyer heimgesucht hat.

Die Episode jedenfalls bestätigt die Vermutung, dass man es hier mit einer Satire zu tun hat. "Hochkomisch", insofern der Autor darauf abgezielt hat, ist der Roman allerdings nicht. Auch das hat der Klappentext versprochen, was immer gefährlich ist, weil es eine Gebrauchsanweisung für die Lesart abgibt. Ironie, ja, die blitzt oftmals durch die Zeilen - und viele Passagen von philosophischer Tiefe, amüsante Beobachtungen, gewitzte Dialoge und die gekonnte Sprache lesen sich gut. Im Prinzip sind alle Zutaten für einen sehr guten Roman vorhanden. Aber das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile.

David Gilbert: Was aus uns wird. Roman. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer. Eichborn Verlag, Köln 2014, 638 Seiten, 23,70 Euro.