Das Konzept des neuen Habringer-Romans orientiert sich an zwei klassischen Nestroy-Zitaten (die beide aus dem "Mädl aus der Vorstadt" stammen).

Schnoferl: Sie wünschen, Frau von Erbsenstein?

Frau von Erbsenstein: Wahrheit wünsch’ ich, Wahrheit aus Ihrem Mund, ich hab’ bereits eine Ahnung.

Schnoferl: Dann haben Sie auch alles, denn die größten Gelehrten haben von der Wahrheit nie mehr als eine Ahnung g’habt.

Derselbe Schnoferl, ein Winkelagent, sagt im 2. Akt: Ah, ich sag’s, der Zufall muß ein b’soffener Kutscher sein - wie der die Leut’ z’samm’führt, ’s is stark!

Ich habe keine Ahnung, ob es ein Zufall war, der Rudolf Habringer auf die Idee zu einem Fortsetzungsroman gebracht hat. Fortsetzungsroman nicht verstanden als ein episches Werk, das stücklweise in Zeitungen erscheint, sondern in dem Sinne, dass Habringers letzter Roman seinen vorletzten fortsetzt. Das heißt: Ein Teil des Personals von "Engel zweiter Ordnung" (Picus Verlag, 2011) tritt in "Was wir ahnen" wiederum auf, und die Folgen der teilweise kriminellen Handlung von 2011 werden jetzt - auch dank dem Auftreten neuer Figuren und Fakten - teilweise aufgedeckt.

Ein Jahr nachdem Arnold Walter, Germanist in Regensburg, und Harald Seisenbacher, Privatdetektiv aus Linz, ermordet wurden, sind Ursachen und Umstände dieser Mordtaten noch immer nicht geklärt. Sowohl Walters Witwe Verena (Regensburg) als auch dessen Ex-Geliebte Katharina Bogner (Linz-Umgebung) begeben sich, weil sie die Unklarheit des Falles nicht hinnehmen noch ertragen wollen, auf private Spurensuche. Dabei werden sie zwar von Selbstzweifeln begleitet ("Ich stelle Verbindungen zwischen Dingen her, die vielleicht nicht existieren"), jedoch eröffnen sich ihnen auch überraschende Einsichten: "Es gibt Dinge, die zusammenhängen, von denen niemand eine Ahnung hatte".

Bis der Verfasser allen Beteiligten klarmacht, dass eben doch die Ahnung eine produktive Rolle in diesem postmodernen Aufklärungsbuch spielt. Und eben deshalb sucht Katharinas schon erwachsene Tochter Sandra mit postpubertärem Eifer ihren wahren Vater (welcher nämlich nicht der erfolgreiche sozialdemokratische Landespolitiker Andreas Bogner ist).

Der Zufall hingegen will es, dass just die Pflegerin von Katharinas dementem Vater (Wels) einst mit Herrn Seisenbacher (s.o.) verheiratet war, und dass der Pflegerin Sohn, noch keine sechzehn, in schlechte Gesellschaft und auf die schiefe Bahn gerät. Darüber hinaus gibt es in Regensburg, Passau und auch in Krumau ein paar mehr oder minder interessante Nebenfiguren, welche eine weitere Grunderfahrung des Suchpersonals veranschaulichen sollen:

"Wir wissen mehr voneinander, als wir meinen . . . Und wissen doch nichts."

Der geschickt konstruierte Roman (jedes Kapitel ist einer bestimmten Figur zugeordnet, aus deren Perspektive erzählt wird) entfaltet wieder Habringers bekannte Talente. In einem stabilen, klaren, unverschnörkelten Satzbau quartiert der Autor lebensechte Charaktere ein, deren psychologische Verhaltensarten und problematische Beziehungsweisen ihn am meisten beschäftigen.

Allerdings ist’s eine Beschäftigung, die keine Neigung verspürt, in tiefere Schichten der Lebensdeutung vorzudringen. Aber das ist ja auch nicht Sinn und Ziel von Unterhaltungsliteratur. Jedenfalls scheint Habringer mit diesem Fortsetzungsroman die Nes-troysche Behauptung "Und wie’s schon geht bei die zweiten Teil’, es is nicht mehr das Interesse" recht überzeugend widerlegt zu haben.

Rudolf Habringer: Was wir ahnen. Roman. Picus Verlag, Wien 2014, 312 Seiten, 22,90 Euro.