Wir befinden uns in Mitteleuropa, in der Nähe der Alpen. Das Zeitalter könnte unseres sein. Mann und Frau haben Hauseigentum auf Kredit erworben. Als sie ihre Arbeit verliert, sitzt er bald beim Kreditsachbearbeiter. Der meint es nur gut, aber der Schuldner bleibt stumm. Sein Kehlkopf ist entzündet. Der Streit mit seiner Frau war nur der Auslöser. Die eigentliche Ursache ist das Wetter. Denn die Hitze und die staubigen Stürme des Sommers sind bloß vermeintlich ein äußerliches Problem. Sie fangen an, die Menschen zu verändern.

Kurzentschlossen packt Sebastian Leitner, so der Name des Protagonisten in "Ich bin die Zukunft", einen Rucksack und macht sich auf den Weg in die Berge. Sein Ziel ist ein Gästehaus, in dem er als Kind einmal war. Gletscher und kühle Wälder hat es hier früher gegeben. Leitner ist auf der Suche nach einem weiten Horizont. Und nach etwas Erfrischung für den überhitzten Körper, besonders für seinen Kopf, damit der die Dinge im Tal wieder sortieren kann. Aus den vier Wochen, die er bleiben will, werden Jahre. Bis es schließlich keinen Grund mehr gibt, hinabzusteigen: Dort unten ist nach dem "Systemfall" jedes gesellschaftliche und ökonomische Gefüge zerbrochen. Schuld sind nicht zuletzt die klimatischen Umwälzungen.

Dass sein neuer Roman in die Katastrophe steuert, daran lässt Autor Erwin Uhrmann von Beginn an keinen Zweifel. Als Endzeitroman reiht sich "Ich bin die Zukunft" in ein Genre, das schon große Literatur hervorgebracht hat. Parallelen gibt es etwa zu Marlen Haushofers "Die Wand" (1963) oder Cormac McCarthys "Die Straße" (2006). Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied zu diesen postapokalyptischen Büchern: Uhrmann wagt sich an die Beschreibung jener Katastrophe, nach der viele andere Dystopien erst beginnen. Wie er das macht, ist spannend, trotz einer gewissen Theatralik glaubwürdig und richtig gut erzählt.

Im ersten Abschnitt des Romans sinniert Uhrmanns gescheiter Held noch über klassische Musik und moderne Kunst: kontrollierbare "Auswüchse" der Zivilisation vor der Folie einer exzessiv wuchernden Bergnatur. Dora, die alte Wirtin des Berghauses, lehrt Leitner vor ihrem Tod, wie man im Gebirge überlebt, Essbares sammelt und anbaut, Kleinvieh hält, Vorräte anlegt, das Haus repariert. Die Erzählung wird dicht, konzen-triert; die Perspektive schwenkt vom etwas distanzierten "Er" zum "Ich". In ihrer Nüchternheit lesen sich Leitners Aufzeichnungen fast wie ein Protokoll.

Die Regenfluten, die Dürren, die (etwas rasanten) Mutationen der Fauna und Flora registriert Leitner besorgt. Er kartografiert die Landschaft, die in ständiger Bewegung scheint. Erst als Doras Enkelin und deren Freund am Berg Zuflucht suchen vor den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den Städten, wird das ganze Ausmaß klar: Die Zivilisation ist nicht mehr. Kunst, Musik, Politik, Ordnung? - Ein Kollateralschaden bei der großen Umstellung des Klimas, das für Mensch und Tier immer toxischer wird. Das "Dies Irae" aus Mozarts Requiem donnert über die Berge und durch die impressionistischen Sprachbilder gegen Ende der Geschichte. Was sonst sollte Leitner sagen, als er allein zurückbleibt: "Ich bin die Zukunft."

Erwin Uhrmann: Ich bin die Zukunft. Roman. Limbus Verlag, Innsbruck 2014, 175 Seiten, 18,90 Euro.