Lipa ist dreizehn, Assistentin in einem Familienunternehmen und die Erzählerin in Matthias Nawrats zweitem Roman, "Unternehmer". Gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem kleinen Bruder Berti fährt sie fast täglich durch den Schwarzwald, durchsucht verlassene Industrieanlagen nach verwertbaren Stoffen, die sie dem "Mann mit den Öllappenhänden" im "Paradies" verkaufen können, und führt darüber Buch.

Berti, der an einem "Spezialtag" einen Arm verloren hat, weiß vom Vater, dass ein Unternehmen seine Opfer fordert und "man in der Schule nichts lernt, was fürs echte Leben taugt", wie er der Frau an der Tankstellenkasse in Schönau erklärt, als diese die Kinder fragt, ob sie nicht in der Schule sein müssten. Lipas schweigsame Mutter weint manchmal - das Geld ist immer knapp und Berti soll nicht noch einen Arm verlieren -, aber ihr Mann ist lieber sein eigener "Unternehmer-Chef", als in einem Angestelltenverhältnis zu arbeiten.

Kochwäsche "topsecret"


"Berti hat ein offizielles Unternehmer-Händeschütteln verdient, für die Großtat, die er gleich für uns leisten wird. Es ist die Zeit der Magnetspulenherzen. Die Zeit der Kupferdrähte. Vater hat den Polizei-Wächter Stengle mit Klimpergeld zum Bäcker Reiss auf der anderen Straßenseite geschickt, damit wir die Halle für uns haben." Am Abend des Spezialtags sitzen sie zu dritt im Keller, bis die Mutter zum Essen ruft, und machen "Kochwäsche extra, topsecret".

Es sei nicht einfach, die Metallspulenherzen von den Hüllen zu befreien, lässt Nawrat seine lebensfrohe Heldin erzählen. "In der Schwefelsäure schwitzen die Kupferspulen und Platinen Panzer aus Luftbläschen aus." - Der aufsteigende Dampf rieche zwar "wie beim Hirschen im Dorf, wenn man auf die Toilette geht: Die Nase ist umgestülpt und hängt wie ein Handschuh über den Mund. Aber wie schimmert das schön, wenn die grünen und blauen Augen sichtbar werden".

In Lipas Familie hat man einen eigenen Blick auf die Dinge. Wo andere Ödnis, Verwahrlosung, sogar Kindesmissbrauch, Not und Trostlosigkeit sehen, entdeckt Lipa Schönheit, Freiheit und Abenteuer. Sie liebt ihre Familie, fühlt sich als "Mitarbeiterin des Monats" anerkannt. Und sie mag die fast menschenleere Wildnis und die Geschichten ihres Vaters, auch wenn sie nicht mehr alles glaubt, was er erzählt.

"Warum ist der Schwarzwald so hoch?", fragt Berti einmal, als sie eine Pause in der Wutachschlucht machen, auf warmen Steinen liegen und einem Fahrrad aus zwei Libellen zugucken, das durch die Luft strampelt. "Die Bauern haben früher Hüte getragen, sagt Vater, damit der Schwarzwald ihnen nicht von oben in die Köpfe schauen und die Gedanken stehlen kann."

"Unternehmer" ist ein bezaubernder, oft amüsanter, aber auch erschütternder Roman über eine idyllisch-schreckliche kleine Enklave, die in unsere eigene Welt eingebettet ist. Matthias Nawrat kam als Zehnjähriger von Polen nach Deutschland und studierte später Biologie.

Management-Phrasen


In seinem Roman "Unternehmer" lässt er die 13-jährige Lipa in einer ungewöhnlichen Sprache kleine philosophische Gedanken formulieren. Er lässt sie geduldig forschend und liebevoll auf Mensch, Tier und Pflanze blicken und dem Management entlehnte Phrasen ihres Vaters wiederholen.

Der Kontrast zwischen der Weltuntergangskulisse plus Erfahrungswelt des Lesers einerseits und Lipas Zufriedenheit mit diesem Leben andererseits führt zu einer unwirklichen Atmosphäre. Gebannt fragt man sich, wohin der Weg dieses aufgeweckten, bildungsfern aufwachsenden Mädchens führen kann. Wird sie die Doktrin ihres Vaters weiter hinterfragen? Ansätze dazu sind da. Wird sie vielleicht mit dem langen Nasen-Timo weggehen, ihrer ersten Liebe? Aber was wird dann aus ihrer Familie und dem Unternehmen?

Matthias Nawrat: Unternehmer. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014, 136 Seiten, 17,50 Euro.