(Wei) Wohin führt der Weg, wenn es mit der EU und der europäischen Demokratie so weitergeht? Mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Abgrund, wenn es keine entscheidenden Reformen und institutionellen Veränderungen gibt. Meint der Autor dieses gedankenschweren, auf hohem Argumentations- und Gestaltungsniveau stehenden Buches. Die Menetekel sind tatsächlich unübersehbar.

David Engels, Professor für Römische Geschichte an der Freien Universität Brüssel, benennt die Flammenzeichen. Die EU und die europäische Zivilisation stecken in einer schweren Wirtschafts-, Werte-, Legitimitäts-, und Identitätskrise. Kennzeichnend hierfür sind, knapp zusammengefasst, der Wandel des Familienlebens, der Bevölkerungsrückgang, der exzessive Individualismus, die durch die ungleich verteilten Besitzverhältnisse verursachte Polarisierung der Gesellschaft, die Vergnügungs- und Raffsucht, der Konsumwahn, die nicht bewältigten und schwer bewältigbaren Zuwandererströme und die dadurch verursachte Fremdenfeindlichkeit, die schwerfälligen demokratischen Entscheidungsprozesse, der massive Vertrauensverlust in die politischen Amtsträger.

Ähnliche Verfallserscheinungen habe es schon vor 2000 Jahren beim Übergang der spätrömischen Republik zum autoritären Regime des Augustus gegeben, konstatiert der Autor und zieht in zwölf Wertbereichen verblüffende historische Parallelen. Die komparatistische Geschichtsbetrachtung von Engels in den Spuren von Spengler und Toynbee ist anfechtbar, aber ernst zu nehmen. Ein Rückfall in den Nationalismus des 19.und 20. Jahrhunderts wäre jedenfalls eine Katastrophe.