Frank (Benjamin Franklin) Wedekind (1864-1918). - © Archiv
Frank (Benjamin Franklin) Wedekind (1864-1918). - © Archiv

Nur wenige deutsche Männer tragen einen amerikanischen Gründungsvater in ihrem Vornamen, und ein einziger namhafter deutscher Schriftsteller heißt Benjamin Franklin, nämlich Wedekind. Wie’s dazu kam, erzählt die Familiengeschichte.

Das Geschlecht der Wedekind - früher Widukind genannt, was Waldkind bedeutete - ist ein altdeutsches und lebt seit dem 8. Jahrhundert vornehmlich in dem Gebiet zwischen Braunschweig, Hannover und Hamburg. Am 21. Februar 1816 wird Friedrich Wilhelm Wedekind geboren, ein politisch interessierter, weltoffener Mann, der als promovierter "Doctor der Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe" nach Konstantinopel reist und angeblich türkischer Bergwerksarzt wird. Die deutsche Revolution von 1848 unterstützt er zwar, doch seine Lebenspläne reichen weiter; er wandert nach Amerika aus und lässt sich als Arzt in San Francisco nieder.

Dort lernt er die um 24 Jahre jüngere Emilie Kammerer kennen, die ebenfalls aus der Alten Welt stammt und als Begleiterin ihrer älteren Schwester Sofie in Wien, Zürich, auf hoher See und in Südamerika schon viel erlebt hat. 1862 heiratet Emilie (deren Vater ein freiheitsliebender Zündholzhersteller ist) Dr. Wedekind, bald danach reift in dem Ehepaar der Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren.

Noch vor der Abreise wird ein zweiter Sohn gezeugt, der aber erst in Hannover des Licht der Welt erblickt (entbunden von Papa persönlich), und zwar am 24. Juli 1864. Aus Dankbarkeit für die USA, deren Staatsbürgerschaft die Eltern erworben haben, nennen sie den Neugeborenen Benjamin Franklin.

Der Bürgerschreck

1872 kauft Vater Wedekind, dem Wilhelminischen Kaiserreich gern den Rücken kehrend, ein Schloss in der Schweiz: Lenzburg, westlich von Zürich im Kanton Aargau, eine jahrhundertealte Trutzburg mit Zugbrücke, Zinnen und Schießscharten, aber ohne Wasserleitung! Hier wächst Benjamin Franklin (den wir ab jetzt, wie er selbst sich als Künstler, Frank nennen) zusammen mit seinen Geschwistern (drei Brüder, zwei Schwestern) auf.

Früh entfaltet sich sein Charakter: Er gerät schon in der Schule in Konflikte, er zeigt sich schon in jungen Jahren als Einzelgänger mit literarischem Talent, schlüpft auch in die Rolle eines Spaßmachers, der sich auf der Gitarre begleitet. Nach dem Abitur widersetzt Frank sich der väterlichen Vorstellung von einer Juristenkarriere des Sohnes und setzt - obgleich dies ein zeitweiliges Zerwürfnis mit dem Vater verursacht - seinen starken Willen durch: er will Schriftsteller werden, will ein Künstlerleben führen, und demgemäß erscheinen. Sein Auftreten wird als "höchst fremdartig und stilwidrig" beschrieben, er trägt einen "schwarzen, abgeschabten Jackettanzug, einen unförmigen Chapeau claque in die Stirn gedrückt, grüblerisch dahinschlendernd".

Schon bald erkennt Wedekind - ein aufgewecktes Kind seiner Zeit, die sich dem Thema "Sexualität und bürgerliche Moral" verschrieben hat, siehe Sigmund Freud ("Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität"), Karl Kraus ("Sittlichkeit und Kriminalität"), Otto Weininger ("Geschlecht und Charakter") - das Hauptproblem der männlichen Existenz: Kein Mann kann, so sehr er sich müht, das weibliche Geheimnis ergründen. Wedekind teilt die Frauen in fünf Kategorien ein: in Prinzessinnen, Patrizierinnen, Zigeunerinnen (d.h. Prostituierte), Klavierlehrerinnen und Köchinnen, wobei er zwischen "in Wirklichkeit" und "im Geiste" unterscheidet; d.h. eine Patrizierin kann den Geist einer Köchin haben oder umgekehrt, die gesellschaftliche Position vermag den Charakter einer Person zu verschleiern.

Wedekind erkennt auch bald den Zusammenhang, die wechselseitige Abhängigkeit von Sexualität und Gewalt, und schöpft aus persönlichen Gefühlen und Erfahrungen den Stoff für das von vielen Zeitgenossen als skandalöses "Dokument der Unsittlichkeit" empfundene Drama "Frühlings Erwachen" (1891). Diese "Kindertragödie" (erst durch Max Reinhardts Berliner Erstaufführung 1906 zu literarischer Reputation gelangt) attackiert die Verlogenheit einer allgemein akzeptierten geschlechts- und liebesfeindlichen "Ordnung", an deren Inhumanität absichtsvoll unwissend gehaltene, von verkalkten "Autoritäten" gegängelte Jugendliche in grausamer Verwirrung scheitern, ja zugrunde gehen.

Noch stärker provoziert und schockiert Wedekind die "prüde Stehkragen-Bourgeoisie" mit seiner "Lulu-Tragödie" ("Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora"): Die Frau, zu einem archetypischen Wesen stilisiert, als "wildes, schönes Tier" von den Männern begehrt, dämonisiert und dressiert, bringt in "naturgemäßer" Schicksalshaftigkeit Unheil über alle, die ihr begegnen. In Lulu wollte er, wie der Dichter selbst sagt, "ein Prachtexemplar von Weib zeichnen, wie es entsteht, wenn ein von Natur reich begabtes Geschöpf . . . in einer Umgebung von Männern, denen es an Mutterwitz weit überlegen ist, zu schrankenloser Entfaltung gelangt."