Flirt mit Beatmungsgerät: Das Paar in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" hat wenigstens nur Krebs, und nicht noch Tourette auch - wie in einem neueren Produkt der Gattung "Sick Lit". - © Centfox
Flirt mit Beatmungsgerät: Das Paar in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" hat wenigstens nur Krebs, und nicht noch Tourette auch - wie in einem neueren Produkt der Gattung "Sick Lit". - © Centfox

1973 war es noch zu früh. In dem Jahr veröffentlichte Astrid Lindgren ihre "Brüder Löwenherz". Das ist, kurz gesagt, ein Buch, in dem zwei Kinder sterben. Mehr hat Lindgren nicht gebraucht. Ein Kritiker schrieb: "Es gibt tatsächlich Abenteuer, die es in einem Kinderbuch nicht geben dürfte." Lindgren hatte ein Tabu gebrochen: Mit dem Tod, noch dazu dem von Kindern, durfte man Jugendliche beim Lesen nicht behelligen. Ein Urteil, das freilich Erwachsene fällten.

Lindgren war, wie so oft, auch hier ihrer Zeit voraus. Denn dieses Tabu gibt es heute nicht mehr - ganz im Gegenteil, der Trend am Buchmarkt ist gerade das todkranke, sterbende Kind. Heute würde man Lindgren wohl eher ankreiden, dass sie ihre Geschichte in Form eines Märchens erzählte. Denn die alltägliche Tragödie verträgt sich heute nicht mehr mit Traumwelten. Die Chemotherapie ist keine Reise ins Seifenblasenland, chronische Schmerzen vergehen nicht vom Atemhauch eines pinken Einhorns.

Nicht nur Galgenhumor

John Green hat es in seinem Bestseller "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" (die Verfilmung ist derzeit im Kino) vorgemacht: Die eine Hauptfigur schleppt eine Sauerstoffflasche mit sich herum, wegen der Lungenmetastasen. Die andere Hauptfigur hat eine Prothese, wegen des Knochenkrebses. Dass Leiden mit Demütigung zu tun hat, wird hier genauso schonungslos verhandelt wie die ahnende Agonie der zurückbleibenden Eltern. Und wie nervig das für die kranken Kinder ist.

Es ist vor allem auch der Witz, der sich von galligem Galgenhumor durch, nun ja, Lebensfreude unterscheidet, die diese Literatur kennzeichnet. Etwa auch den Roman "Wie ich zum besten Schlagzeuger der Welt wurde und warum" (Carlsen). Das ist wohl einer der Gründe, warum es manchem Kritiker immer noch schwerfällt, mit solchen Jugendbüchern umzugehen. Zum Beispiel der britischen Zeitung "Daily Mail", die in einem despektierlichen Artikel vor etwa einem Jahr auch den neuen Genre-Namen "Sick Lit" erfunden hat.

Das bezieht sich natürlich, erfahrene Belletristik-Konsumenten haben es erkannt, auf die "Chick Lit" - jene Bücher mit angeblich frauenspezifischen Themen (Liebe, Schönheit, Tollpatschigkeit) mit vorrangig rosaroten Buchumschlägen. Dieses Genre hat sich zu einer veritablen Industrie entwickelt, von durchaus durchwachsener Qualität. Aber mit harmlosem Inhalt.

Traumatisierte junge Leser?