Es ist sein Element. Seit dem literarischen Auftauchen des in Göttingen geborenen, in Berlin lebenden Schriftstellers John von Düffel mit dem Roman "Vom Wasser" (1998) durchfließt es in gewisser Weise sein Werk, weshalb es nur folgerichtig ist, dass er nun einen Band mit (elf) "Wassererzählungen" vorlegt. Darin sprudelt es nur so von Themen, Motiven und Genres, sodass es nicht übertrieben scheint, wenn man behauptet, dieser Autor sei mit fast allen Wassern gewaschen, die die erzählerische Kurzstrecke zu bieten hat.

Der passionierte Langstreckenschwimmer hat in seinem Buchessay "Schwimmen" (2000) bereits nahezu alles gesagt, was es über diesen Sport zu sagen gibt. So wie der Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead einst die gesamte europäische Philosophiegeschichte bloß als Fußnoten zu Platon verstand, muss sich nun jeder Autor beim Thema Schwimmen mit Randbemerkungen zu von Düffel zufrieden geben. Einige steuert er selbst noch bei, wie etwa in der ersten Erzählung in dem neuen Band, "Ostsee", in welcher sich der Ich-Erzähler an frostigen Wintertagen ins kalte Nass wagt: "Jeder Kraulschwimmer hat ein seltsames Verhältnis zur Überwasserwelt. Er nimmt nicht an ihr teil. Für ihn zählen nur die See, sein Atem und die Kälte nicht auf der Haut (. . .) sondern im Körper. Auf die Kerntemperatur kommt es an, auf den Griff der Kälte nach den Knochen und Eingeweiden, um die sich sämtliche Muskeln und Sehnen zusammenziehen wie ein Netz um ein Kilo Orangen."

Ein wenig nimmt der Krauler aber doch von der Überwasserwelt wahr - und so sieht er etwa einen alten Mann, der jeden Tag am Strand nach etwas gräbt. Der Schwimmer erfindet während seiner Touren im arktisch kalten Wasser selbst Geschichten zu diesem rätselhaften Mann, bis er am Ende der Erzählung eher zufällig und nebenher erfährt, was es mit dem Alten tatsächlich auf sich hat. Es ist eine tragische Pointe. . .

Trauer spielt in einigen der Erzählungen eine entscheidende Rolle, und sie spiegelt sich symbolhaft in dem alles auflösenden flüssigen Element. Deutlich erkennbar ist das etwa schon am Titel "Die Trauerrednerin", in welcher Erzählung eine Frau den von ihrem mit dem Tod ringenden (und ihm schließlich erliegenden) Vater angelegten Schwimmteich trockenlegen lässt. Und dabei stößt sie auf allerlei materielle Rückstände, welche die Denk- und Lebensweise des Dahingehenden auf für die Tochter erschreckende Art offenlegen: "Fassungslos starrte Katrin auf all das Vergessene, Verschwundene, das auf einmal in dieser Grube wieder auftauchte. Es war, als hätte ihr Vater versucht, das ganze Inventar ihrer Vergangenheit, ihrer gemeinsamen Geschichte zu versenken."

Kurios ist auch die ausschließlich in Dialogen dahinperlende Erzählung "Die Vorschwimmerin", worin eine Frau eine andere für eine höchst delikate Tätigkeit zu gewinnen sucht: Sie soll für einen unsichtbar und anonym verbleibenden japanischen Architekten in einem wunderschön gelegenen und angelegten Becken - schwimmen. Sonst nichts. Das dafür regelmäßig, jeden Tag, zwei Stunden lang, bei Sonnenuntergang.

Wie die Anzuwerbende jene Frau, die diese Tätigkeit offenkundig bisher ausgeübt hat, mit Fragen löchert, sich entrüstet gibt - und dann doch immer tiefer in den Sog und Strudel des dubiosen Angebots gerät, ist von großer dramaturgischer Raffinesse.

John von Düffel, der als Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin tätig ist, stellt hier sein solides Handwerk auf fast altmeisterliche Weise zur Schau. So wie diese Erzählungen komponiert sind, mit welch fein- bis hintersinnigen Motiven, wie in jeder ein anderer Ton angeschlagen, eine andere schimmernde Färbung und Stimmung eingeführt wird, und in welch sicherem, aber auch bedächtigem und geduldigem Wortschritt buchstäblich vorgegangen wird - all das zeigt diesen Autor in der Tradition der eher stillen Meister: Er ist sozusagen mehr Fontane als Fontäne. Und nicht nur weil die letzte Erzählung "Lenz" heißt, könnte einem auch Siegfried Lenz als Vergleichsgröße einfallen.

Er kann also vieles, dieser John von Düffel, aber eines leider nicht: Titel machen. Die klingen, vor allem die längeren, großteils hanebüchen: "Das Spiel ohne auf die Erde zu kommen" heißt eine Erzählung; "Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem" eine andere. Hier wankt und schwankt vor allem die Überschrift. Sie ist - um im Bild zu bleiben - ein literarischer Bauchfleck.

John von Düffel: Wassererzählungen. DuMont Verlag, Köln 2014, 255 Seiten, 20,60 Euro.