Was passiert, wenn man "Google" googelt? Nun, man erhält, zumindest im Newsbereich, vorerst einmal reichlich gute Nachrichten über den Internetkonzern. Da wird die "Surfsicherheit" gepriesen, da wird in ein Unterseekabel investiert, da werden Sicherheitslücken im angestammten Browser gestopft, da hilft Google mit einer neuen App beim Schulunterricht. Nun kann man Google schwerlich vorwerfen, dass die konzerneigene Suchmaschine nicht die übelsten Meldungen über ebenjenen Konzern dummdreist als erste reiht. Google ist ein Mega-Unternehmen und kein Heiliger.

Es wäre also gar nicht so schlimm. Wenn die Methode nicht System hätte. Als Mitbewerber findet man sich in Google-Listen nicht sehr prominent vertreten. Wer nicht so gern scrollt, kommt aus der Google-Welt mit den Google-Produkten nicht so schnell heraus. Nicht so nett, als Monopolist. Dazu kommt, dass Google auch unsere Welt-Wahrnehmung manipuliert. Eine kleine Anekdote aus diesem Sommer: Als die deutsche Mannschaft die brasilianische bei der Fußballweltmeisterschaft mit 7:1 abkanzelte, war das natürlich auch im Netz ein Thema. Für die Deutschen ein positives - so etwas sieht Google gern. Für die Brasilianer ein negatives - das sieht Google wieder nicht so gern. "Schmach" und "Schande" hätten eigentlich zum Trend werden müssen - in Windeseile ermittelt vom Nachrichtenzentrum des Konzerns in Kalifornien, in dem die Algorithmen für die Suchvorgänge entstehen. Doch "Schmach" und "Schande" setzten keinen Trend. Denn im Internet, in den Sozialen Medien, die Google mit seinen Links auch beliefern will, macht man mit Negativem keine Meter.

Inspirations-Imperativ

Nun kann man sagen: Was ist schon dabei, wenn man ein paar schlechte Nachrichten nicht erfährt? Vielleicht macht das die Welt sogar ein wenig besser? Und mit genau diesem Denken, dem "Wird schon nicht so schlimm werden"-Denken, räumt Dave Eggers’ Roman "The Circle" auf. In dieser sortenreinen Dystopie landet die naive Mae Holland in einer hyperinnovativen Technologie-Firma namens "The Circle", einer komprimierten Betaversion der Tech-Giganten Google, Apple, Facebook mit einer Prise Amazon. Vom vordergründigen Feel-good-Faktor der Arbeitswelt erinnert "The Circle" sehr stark an Google mit seiner "Der Arbeitsplatz als Spielwiese"-Devise. Am Campus werden Wellness, Minigolf, Partys, 24-Stunden-Gratisbuffet geboten. Auch die Gesundheitsvorsorge ist immer nur ein paar Zimmer entfernt. Das ist doch gut, oder? Alle Körperfunktionen werden via smartes Armband kontrolliert, gespeichert und sind jederzeit parat. Das ist doch praktisch, oder? Nur Paranoiker finden da ein Haar in der Datensuppe. Oder?

Man müsste das Arbeitsareal gar nicht verlassen - hier gibt es alles. Alles außer Privatsphäre. Die hat Mae Holland beim Eintritt in das Unternehmen abgegeben - freiwillig.

Man hört fast eine säuselnde Coverversion von Louis Armstrongs "What a wonderful world", wenn man von Maes erstem Arbeitstag in diesem so paradiesisch ("Ich bin im Himmel", meint Mae) anmutenden Umfeld liest. Sie geht durch eine Zitrus-Allee, in der die Pflastersteine beschriftet sind mit Inspirations-Imperativen wie "Träume!" oder "Habe Ideen!". Auf einem Stein steht auch: "Atme!" Schon in diesem Moment müsste Mae sich wundern, ob sie in einem ganz besonders totalitären Unternehmen gelandet ist, das ihr sogar das Atmen befiehlt. Oder ob ihr neuer Arbeitgeber seine Mitarbeiter einfach für so dumm hält, dass er sie ans Atmen erinnern muss.

"Gefällt mir"-Demokratie

Beides ist irgendwie richtig, wird sich später zeigen. Doch erst einmal hat Mae mit Reizüberflutung zu kämpfen. Sie muss einen Nachrichtenstrom bearbeiten, der an die Unüberblickbarkeit von Twitter erinnert, bei dem sie aber jede Meldung kommentieren muss. Tut sie das nicht, muss sie bei ihren Abteilungschefs vorstellig werden - wer nicht Anteil nimmt, hat "The Circle" nicht verdient. Mae lernt auch schnell, dass der vorbildliche Mitarbeiter auch Anteil nehmen lässt: und zwar am besten an jedem Aspekt des Lebens. Deswegen lässt sich Mae nicht nur ein Armband umlegen, das ihre Gesundheit für alle offenlegt im Netzwerk TruYou (eine auf den ersten Blick ganz praktische Zusammenführung aller Internet-Datenkanäle, die man freiwillig bespielt, von Facebook über Youtube bis Twitter). Sie lässt sich auch zum Aushängeschild für jenes Produkt machen, das laut den "Circle"-Gründern zu einem gesellschaftlichen Umbruch führen soll. Der Apparat heißt schon so: "SeeChange", und er soll die totale Transparenz bringen. Es ist eine Kamera mit Mikrofon, die Mae am Körper trägt, ist sie mehr als drei Minuten nicht auf Sendung (so viel Zeit wird nämlich für einen Klobesuch berechnet), macht sie sich verdächtig. Genauso wie die Politiker, die das Tragen der Kamera verordnet bekommen - durch eine trefflich hinterhältige Form der Demokratie: Wer kann sich dem Druck der Millionen "Gefällt mir" für die einfachste Antikorruptionsstrategie aller Zeiten widersetzen? Ohne sich auch schon wieder verdächtig zu machen?