Romane zu schreiben, stellte Haruki Murakami einmal fest, habe viel Ähnlichkeit mit dem Musikmachen. In beiden Fällen komme es vorwiegend auf den Rhythmus an.

Der US-Autor Michael Chabon findet in seinem aktuellen Roman "Telegraph Avenue" nicht nur den richtigen Rhythmus, sondern trifft auch jeden Ton. Der Plot des Romans klingt zunächst wenig originell, und auch das Setting nimmt sich ziemlich bekannt aus. Mithin liest sich "Telegraph Avenue" vorerst wie eines jener Bücher, dessen Protagonisten man schon sehr lange zu kennen vermeint, so vertraut wirken ihre Probleme, so unbeholfen und allzu menschlich ihre Art der Pro-blemlösung.

Archy Stallings und Nat Jaffe führen gemeinsam den kleinen, aber exklusiv bestückten Secondhand-Plattenladen Brokeland Records in der Telegraph Avenue. Plattensammler, Jazz- und Blues-Liebhaber, alte wie neue Hippies und einfache Plattenkäufer treffen sich hier zum Stöbern, Plaudern und Philosophieren. Archy und Nat sind leidenschaftliche und eloquente Musik-Berater, aber alles andere denn gute Geschäftsleute. Ihr scheinbar geordnetes Leben gerät zunehmend aus den Fugen, als die Existenz ihres Refugiums durch die Konkurrenz eines in unmittelbarer Nachbarschaft geplanten Megastores bedroht wird. Gibson Goode, Footballlegende und fünftreichster Schwarzer Amerikas, plant nämlich sein Vermögen in diesem Geschäftsbereich gewinnbringend einzusetzen. Damit nicht genug, wird Archy auch noch von seiner schwangeren Frau Gwen der Untreue überführt und durch das Auftauchen eines Jungen, der sein unehelicher Sohn sein könnte, aus dem Gleichgewicht gebracht. Als ihn seine Frau schließlich kurzerhand vor die Tür setzt, scheint der letzte Funke Hoffnung erloschen.

Pulitzer-Preisträger Chabon erweist sich als so genauer Beo-bachter wie charmant-kurzweiliger Erzähler. Er findet die richtigen Worte für Altbekanntes und lässt den Leser an der Erkenntnis der Romanprotagonisten Archy und Nat teilhaben: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Auch wenn dieses zu einem Überlebenskampf eines in der Nachbarschaft zur Institution gewordenen Plattenladens gegen einen mit viel Geld und wenig Feingefühl etablierten Megastore verkommen ist.

In Michael Chabons "Telegraph Avenue" treffen kühl kalkulierende Marktstrategien auf die heißen Seelen von Aficionados, Freaks und Desperados.

Michael Chabon: Telegraph Avenue. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 592 Seiten, 25,70 Euro.