Kérantec sucht man auf bretonischen Landkarten vergeblich. Kein Küstenstrich weist ein Seebad solchen Namens auf. Und tatsächlich zerfließen die Konturen dieses literarischen Schauplatzes in einer magisch aufgeladenen Atmosphäre.

Frankreichs Ausnahmeschriftsteller Julien Gracq hat diese Szenerie erschaffen, und zwar für seinen Roman "Un beau Ténébreux", der bereits 1945 erschien. Jetzt liegt das Werk in der einfühlsamen, schönen Übersetzung von Dieter Hornig auf Deutsch vor. Der Grazer Droschl Verlag hat als Titel "Der Versucher" gewählt, zumal Ténébreux einiger Erklärung bedarf und somit kaum übertragbar ist: Zum einen spielt die Bezeichnung auf den altspanischen Ritterroman "Amadis von Gallien" an, dessen Held Beltenebros ("Dunkelschön") ein Büßerleben im Wald führt; zum anderen auf das melancholische Gedicht "El Desdichado" des französischen Romantikers Gérard de Nerval, in dem es heißt: "Ich bin der Dunkle, . . ., ohne Trost".

Gracqs Geschichte setzt im Hochsommer ein, doch schon wird der "Wurmstich des Herbstes" fühlbar. Zumindest für den Literaturwissenschafter und Tagebuchschreiber Gérard, der aus "reiner Untätigkeit" in Kérantec strandet und im Hôtel des Vagues Quartier nimmt (ein feines Wortspiel, denn vague bedeutet sowohl "Welle" als auch "vage"). Es ist ein vornehmes Haus im englischen Stil, durch seinen reizvollen Trödelkram auf den Gängen aber auch wieder sehr französisch. Gérard kommt mit seiner Studie über Rimbaud ebenso wenig voran wie in dem Versuch, die theaterbesessene Christel zu erobern. Sie gehört zu jener "straighten Bande" junger, sportlicher Leute, die in diesem Haus des Müßiggangs durch den Sommer gleiten.

Mit der Ankunft des weltgewandten Allan Patrick Murchison kommt Dynamik ins Geschehen: Der titelgebende "Versucher" hat die Szene betreten! Er ist reich, legendenumwoben und in Begleitung der traumschönen Dolorès. Allan wird der elektrisierende Gott der Happy few und zum Generator wahlverwandtschaftlicher Konfusionen. Doch nicht alle erliegen seinem Bann. Gérard und die geerdete, sinnliche Irène durchschauen den diabolischen Charme dieses Mannes, der seinen Untergang inszeniert und alle zwingt, "in seinem Spiel zu lesen". Die feriale Ausnahmesitua-tion bietet für die Manipulationen dieser anziehenden und zugleich abstoßenden Figur das ideale Umfeld, denn wie im Karneval scheinen alle Annäherungen und Experimente erlaubt.

Gérard bricht das Journal dann ab und erzählt das Folgende aus allwissender Perspektive: Die fiebrige Atmosphäre steuert auf ihren Höhepunkt zu, als das Hotel seinen traditionellen Maskenball veranstaltet. Diesmal sind die Gäste als Romanfiguren verkleidet, auch Allan und Dolorès: Die beiden verkörpern die "Liebenden von Montmorency", mithin jenes tragische Paar aus Alfred de Vignys gleichnamigem Gedicht, das den gemeinsamen Tod beschließt. Auf das dekadente Fest folgen Wochen blinden Wartens, vergiftet durch Allans provokant-schaurigen Plan. Von diesem vermag ihn auch Christel, die ihm ganz verfiel, nicht abzubringen.

Gracqs an Metaphern, literarischen Verweisen und berückenden Landschaftsbildern so reicher Roman kreist um eine philosophische Frage: Ist der wie ein "acte gratuit" (willkürlich, absurd) anmutende (Doppel-)Selbstmord vielleicht ein extremer Akt der Revolte gegen jeden Determinismus?