Ein Zyniker könnte behaupten, dass die brutale Geschichte des Irak ein Segen für die Literatur der Gegenwart ist; und zugleich fragt man sich, ob die Kritiker, die die Irak-Kriegsliteratur gut finden, diese Zyniker sind. Das Spektrum derartiger Romane ist breit, selbst wenn man nur das nimmt, was mittlerweile auf Deutsch vorliegt. Es reicht von den irakischstämmigen Autoren, die auf Deutsch schreiben wie Abbas Khidr ("Die Orangen des Präsidenten") und Hussain al-Mozany ("Der Marschländer"), über den Syrer Fawwaz Haddad ("Gottes blutiger Himmel"), einen deutschen Autor wie Thomas Lehr ("September") oder den Amerikaner und Irak-Veteranen Kevin Powers ("Die Sonne ist der ganze Himmel") bis zu denjenigen Irakern natürlich, die auf Arabisch schreiben.

Einer der bekanntesten ist Najem Wali, 1956 in Basra geboren, Anfang der achtziger Jahre zum Studium nach Deutschland gekommen und in Berlin lebend. Mit "Bagdad Marlboro" ist jetzt sein vierter Roman bei Hanser erschienen, diesmal in der flott lesbaren Übersetzung von Hartmut Fähndrich, dem Altmeister der arabisch-deutschen Prosaübersetzung.

Poesie als Brücke


Anders als die meisten Irak-Romane, die sich in der Regel auf nur einen der vielen Kriege Saddam Hussains konzentrieren, schlägt Najem Wali einen weiten Bogen: vom iranisch-irakischen Krieg Anfang der achtziger Jahre und den Kämpfen in Kurdistan, wo sich die beiden Hauptfiguren des Romans kennen lernen, der namenlose Ich-Erzähler und der poète maudit Salman Madi; bis zum amerikanischen Einmarsch in Bagdad und dem viel schlimmeren Nachkrieg, einschließlich des Prozesses gegen den Geheimnisverräter der US-Army Bradley Manning.

Der Dreh- und Angelpunkt des Plots ist aber der Kuwait-Krieg von 1991, wo sich die Geschichte der beiden Iraker mit denen zweier Amerikaner verknüpft, Daniel Brooks, der von seinem Vorgesetzten zum kaltblütigen Mord an irakischen Kriegsgefangenen gezwungen wird, und dem von Salmans Einheit gefangen genommenen David Barbiero, der bei einem Fluchtversuch ums Leben kommt. Salman und David waren sich über die Liebe zur Poesie nahe gekommen und hatten als Geste der Freundschaft Zigaretten getauscht: die irakische Marke "Bagdad" gegen "Marlboro."

Der Titel des Buchs ist eine Reminiszenz an den Erzählband "Sarajevo Marlboro" des Kroaten Miljenko Jergović; er hätte auch "Schuld und Sühne" lauten können, womit die zentralen Motive des Buchs benannt wären. Denn keinem, auch der reinsten Seele nicht, gelingt es, im irakischen Schlamassel die Unschuld zu bewahren. Selbst der immer gut gelaunte "Smiley Man" Daniel und der manisch-depressive Salman werden zu Mördern, ebenso wie am Ende der bis dahin das Geschehen eher aus der Distanz verfolgende Ich-Erzähler, der sich in Form der erlebten Rede in alle seine Nebenfiguren erstaunlich gut einzufühlen vermag.

Bei den ermordeten Kriegsgefangenen findet Daniel einen Brief Salmans, der an den Erzähler gerichtet ist. Als er zwölf Jahre später im Fernsehen die Berichte vom Einmarsch der Amerikaner in Bagdad sieht, beschließt er, seine Schuld zu sühnen, indem er für die irakischen Opfer sammelt und den Brief an den Adressaten aushändigt. Kaum im Irak angekommen, wird er entführt, und der Adressat, unser Erzähler, vor die Wahl gestellt, ihn zu ermorden oder selber dran zu glauben. Dieser Plot wird mit großem Aufwand und zahlreichen Nebenfiguren im Prinzip chronologisch erzählt; der Leser lasse sich durch die zahlreichen Verästelungen und abundanten Erzählerkommentare nicht in die Irre führen. Spannung entsteht durch den ständigen Aufschub des Hauptstrangs in Gestalt von Nebenerzählungen - das gute alte Prinzip der Märchen von "Tausendundeine Nacht".

Interessantes Geröll


Das ist wie ein Strom, der viel Geröll mit sich führt und natürlich doch nur ins Meer mündet: Interessant ist das Geröll, nicht die Ankunft im Meer. Man erfährt viel über den Irak seit den 80er Jahren, über die wechselnde Befindlichkeit der Iraker, über den Fluch, der über dem Land liegt, über die Gewalt in Gestalt von Diktatoren, Invasoren und schließlich, in der waffenstarrenden Anarchie der Gegenwart, der einfachen Iraker selbst.

Man erlebt den quälenden Alltag mit Straßensperren und der ständigen Gefahr von Entführung, Mord, Anschlägen. Man liest aber auch über die Suche nach Liebe, das Leben in den Bars und Cafés, den Fluchtpunkt Poesie. Egal, was geschieht, stets werden die Verse des irakischen Dichters Sargon Boulus (1944-2007) zitiert, mit denen die Iraker ihren Trotz gegen Gewalt und Willkürherrschaft ausdrücken: "Du Henkersknecht, geht doch in Dein Kaff zurück. Wir jagen dich zum Teufel und schmeißen dich aus Amt und Würden." Fast wundert man sich, dass es dem Autor am Ende gelingt, seinen Sack voller Geschichten zuzumachen. Der Preis besteht in ein paar getöteten Irakern zusätzlich, aber das fällt nicht mehr ins Gewicht, der Sack ist ohnedies schwer genug. Es gehört zu den Erkenntnissen, die man aus der Lektüre zieht, dass die Realität, jedenfalls im Irak, womöglich wilder ist als der phantasievollste Autor sich auszumalen vermag. Oder sitzen wir bei dieser Erkenntnis nur einer Kolportage auf?