(wt) Unsere globalisierte, verökonomisierte, beschleunigte Welt ist im Kern "unleidlich" gegenüber Abweichungen. Fehler aber definieren den menschlichen Maßstab. Der Wissenschaftsjournalist Jürgen Schäfer führt den Leser in einem faszinierenden Buch durch die Welt der Neuro- und Sozialwissenschaft, der biologischen Evolution und Philosophie. Immer ist er dem Wesen von "Fehlern" auf der Spur. So suche die Evolution nicht nach den Stärksten. Sie strebt nicht nach Perfektion - im Gegenteil. "Evolution will Vielfalt, denn nur Vielfalt bedeutet Zukunftsoffenheit", betont Schäfer.

Es zeigt sich, wie "löchrig" die menschliche Wahrnehmung ist, wie "wachsweich" die Erinnerung. Dabei werden in der modernen westlichen Welt perfektionistischen Strebens und des "Multitaskings" Fehler und Scheitern vom Kindergarten an mehr oder weniger sozial geächtet. Irrtümer rütteln an den Grundfesten des menschlichen Selbst- und Weltbildes. All das ist aber eine große Illusion, wie der Autor bestätigt. Misserfolg und Fehlschläge sind im menschlichen Streben nach Reichtum, Ansehen oder Erleuchtung nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. In der Wirtschaft führen dieser Perfektionismuswahn und die " Obsession der Fehlerlosigkeit" direkt zu physischen und psychischen Zusammenbruch der Mitarbeiter.

Was wir brauchen, ist eine progressive "Fehlerkultur", denn aus der Angst Einzelner, die Verantwortung für ein mögliches Scheitern zu tragen, werden Bürokratien geschaffen. Nur wo wir irren dürfen, sind wir frei - auch für Kreativität und Innovation.

Sachbuch

Lob des Irrtums. Warum es ohne Fehler keinen Fortschritt gibt

Jürgen Schäfer

C. Bertelsmann Verlag,

256 Seiten, 20,60 Euro