Er schrieb 175 Romane, etwa 200 Romane für Groschenhefte und rund 1200 weitere Geschichten und Kurzgeschichten. Und vor allem war er, das könnte er unisono mit dem Detektiv Hercule Poirot feststellen, den seine britische Kollegin im Metier, Agatha Christie, erfunden hat, kein Franzose, sondern Belgier: Nichtsdestoweniger war er es, Georges Simenon, der den Inbegriff des französischen Krimis schuf. Und keineswegs nur in Gestalt jenes Kommissars Jules Maigret, der seinerseits in Jean Gabin eine unnachahmliche Filmverkörperung fand und dem die niederländische Gemeinde Delfzijl, ungeachtet der Tatsache, dass der tief in die Seelen schauende Ermittler nur in Druckerschwärze und Papier gelebt hat, ein Denkmal errichtete.

Simenon, am 12. Februar 1903 geboren, erfuhr bereits im jugendlichen Alter, dass man mit Schreiben Geld verdienen kann. Da jobbte er nämlich, knapp 16 Jahre alt, in seiner Geburtsstadt Lüttich als Journalist. Seine ersten sexuellen Erfahrungen lagen da bereits drei Jahre zurück. Ebenso Diebereien und erster Alkoholmissbrauch. Sein Hang zu Hochprozentigem und Prostituierten blieb lebenslang - die Liebe zum Schreiben auch.

Schreiben wie in Trance

Obwohl: War das wirklich Liebe oder nicht schon Besessenheit? Ersetzte Simenon nicht doch Qualität mit Masse?

Sagen wir es offen: Simenons geringer Wortschatz und sein primitiver Stil, der über korrekte Grammatik hinaus keine Ansprüche stellt, erfreut Sprachschüler, die, des Französischen erst ansatzweise mächtig, nahezu mühelos einen Simenon-Krimi lesen können und dadurch das Gefühl vermittelt bekommen, sich schon die Literatur des Sprachneulands erschließen zu können. Alle anderen rümpfen bei Simenon, wenn’s um den Stil geht, eher die Nase.

Ob berechtigterweise, ist die Frage. Tatsache ist, dass Simenon mit den reduzierten Mitteln nicht nur Spannung erzielt (die in seinen Romanen im Grunde gar nicht so wichtig ist), dass er eine dichte Atmosphäre erzeugen und dass er einen tiefen Blick in die Abgründe der menschlichen Seele werfen kann. So tief, dass dieser unaufgeregte, in allen Bereichen sehr genaue und sensible Krimi eine Genrebereicherung war, die bis zum heutigen Tag nachwirkt.

Könnte Simenon also die Vereinfachung der Sprache, woran die Kritik sich ja festbeißt, eventuell beabsichtigt haben? Immerhin war es die hervorragende Stilistin Colette, die ihm geraten hatte: "Lassen Sie alles Literarische weg." Und er selbst sagte, dass er sein Vokabular auf 2000 Wörter aus dem Grundwortschatz beschränkte, zumal doch einer Statistik zufolge die Hälfte der Franzosen einen Wortschatz von gerade einmal 600 Wörtern habe. "Ich habe einen Horror vor Literatur", sagte Simenon, "Literatur ist Unsinn."

Vor allem kann man Simenon nicht vorwerfen, er habe seine Geschichten unkontrolliert heruntergeschmiert. Das Gegenteil ist der Fall: Simenon konzipierte seine Romane vor dem Beginn der Schreibarbeit mit nahezu mathematischer Akribie, zeichnete das Personengeflecht auf und vertiefte sich darin, bis er sich für eine Dauer von bis zu 14 Tagen in eine Art Schreibtrance versetzte, in der er das im Vorfeld Ausgedachte niederschrieb.

Dauert der Streit um die literarische Bedeutung Simenons an, ist ein anderer, ein biografiebezogener, geklärt: Da die von Propagandaminister Joseph Goebbels gegründete und unter nationalsozialistischer Kontrolle stehende Gesellschaft Continental-Film eine unverfängliche Simenon-Vorlage für einen antisemitischen Tendenzfilm benützte, sah sich der Autor mit Antisemitismus- und Kollaborations-Vorwürfen konfrontier. Er wurde unter Hausarrest gestellt. Die Vorwürfe konnten entkräftet werden, doch Simenon verließ Europa, ging in die USA. 1955 kehrte er zurück und ließ sich in der Schweiz nieder. Am 4. September 1989 starb er in Lausanne.

Der Bericht des Polizisten
Von Georges Simenon.
Zu hören am Samstag, 13. September, 14 Uhr, in der "Hörspiel-Galerie" auf Radio Ö1.