Die Buchhandlungen werden in New York zwar rar, dafür gibt es immer mehr Literaturzeitschriften. Eine Notmaßnahme in Zeiten der Unsicherheit? - © Photo Collection Alexander Alland, Sr./Corbis
Die Buchhandlungen werden in New York zwar rar, dafür gibt es immer mehr Literaturzeitschriften. Eine Notmaßnahme in Zeiten der Unsicherheit? - © Photo Collection Alexander Alland, Sr./Corbis

Es war Zeit zu sagen, was man meinte, und es war... na ja: eh ganz okay. Dieser Tage feiert in New York City, dem Ort seines Erscheinens, eines der maßgeblichen Literaturmagazine Amerikas sein zehnjähriges Bestehen. Die Gratulanten sind so zahlreich wie die professionellen Schulterklopfer, und wenn man sich die Jubiläumsausgabe durchschaut, bekommt man auch dann schnell einen Begriff von dem Heft, wenn man es vorher noch nie in der Hand hatte. "Als wir mit ,n+1‘ anfingen, bestanden wir auf der Prämisse, dass Geschichte im 21. Jahrhundert mehr ist als ein lahmer Konsens über die liberale Demokratie plus den Krieg gegen den Terror. Zehn Jahre später haben wir mehr Geschichte, als wir bewältigen können. All die alten Fragen werden wieder gestellt", schreibt das Herausgeber-Kollektiv im Editorial der Jubelnummer. Was ist derartigen Sätzen zum Geleit noch hinzuzufügen, außer einem kräftigen: "Tja, sicher, irgendwie stimmt das schon. Obwohl..."Und trotzdem: zunächst Ehre, wem Ehre gebührt.

Unbestritten ist, dass es "n+1" in den zehn Jahren seiner Existenz geschafft hat, zum integralen Bestandteil des jungen New Yorker Intelligenzija-Establishments zu werden. Edelfans wie den Bestsellerautor Jonathan Franzen, den führenden Chronisten amerikanischer Befindlichkeiten Anfang des 21. Jahrhunderts, bekommt man ebenso wenig umsonst wie leidenschaftliche Feinde, wie die Literaturlegende Gordon Lish, der das Magazin nicht mehr und nicht weniger einen "Krug voll Scheiße" nannte. (Eine Kritik, die den Herausgeber mutmaßlich extrem geschmerzt hat, weil der Mann praktisch alles darstellt, was sie verehren.)

Gegen stumme Intellektuelle

Ebenso unbestritten ist, dass "n+1" im vergangenen wie im aktuellen Jahrzehnt die Vorhut einer Gründerwelle von gedruckten und digitalen Kulturpublikationen darstellt, wie es sie in den USA das letzte Mal zwischen den Vierziger- und den Sechzigerjahren gegeben hat - und die war, anders als heute, in der Regel von der CIA bezahlt, die den Kalten Krieg auch aufs Feld der Hochkultur trug. (Prominentester Nutznießer dieser stillen Subventionen war übrigens jahrzehntelang "Paris Review".)

Sie erscheinen im Web und tragen Namen wie "Triple Canopy", "Jacobin" oder "The New Inquiry", oder gedruckt, wie der "American Reader", und was sie außer ihren jüngeren Gründungsdaten gemeinsam haben, ist, dass sie allesamt von Leuten zwischen 20 und 45 gemacht werden. Warum plötzlich diese Renaissance der Geistesblätter? Noch dazu in Zeiten, in denen das geschriebene Wort an sich immer mehr an Bedeutung verliert?

Als "n+1" Mitte des Jahres 2004 erstmals an ausgesuchten New Yorker Kiosken und Buchhandlungen zum Kauf angeboten wurde, waren die Zeiten noch andere in Amerika, und in einem Land wie diesem heißt das was. George W. Bush, der damals den Präsidenten mimte, hatte sein Land unter fadenscheinigsten Argumenten und zu einem Zeitpunkt in den nächsten Krieg geführt, an dem seine Bürger noch mit den Folgen des Afghanistan-Feldzugs rangen. Dem in der Debütausgabe formulierten Leitspruch seiner Macher gemäß ("Es ist Zeit zu sagen, was man meint") sollte "n+1" dem und noch vielem mehr beikommen: vermeintlich und zu Recht wie zu Unrecht überschätzten Autoren und Büchern, materiellen und immateriellen Phänomenen der Popkultur. Kurz: dem Zeitgeist an sich. "Gegen Faulheit und Zynismus" stand da zu lesen, für eine aktive öffentliche Rolle der angeblich stumm und taub gewordenen amerikanischen Intellektuellen.

Nun ist seit 2004 viel Wasser den Hudson wie den Euphrat und den Tigris hinuntergeflossen, aber was "The Intellectual Situation" angeht - unter diesem Titel beginnt in jeder neuen "n+1"-Ausgabe der erste große Text - nicht eben viel, meinen die drei Gründer und Chefredakteure Keith Gessen, Chad Harbach, Charles Petersen. Modell stand "n+1" laut Aussage des Schriftstellers und Journalisten Gessen die 2003 eingestellte "Partisan Review". Das linke Denkerblatt, 1934 von den Kindern jüdischer Emigranten aus Europa als Alternative zu den "New Masses" gegründet, dem offiziellen Organ der amerikanischen Kommunisten, fuhr von Beginn an einen streng anti-stalinistischen Kurs und galt schon bald als allseits anerkanntes Zentralorgan der linken und liberalen US-Intellektuellen.

Zu Hochzeiten verkaufte das "Partisan Review" mehr als 10.000 Abos, dank Autoren wie Doris Lessing, Sylvia Plath, Philip Roth oder Susan Sontag. Eine ambitionierte Programmansage, die freilich auch viel über das Selbstverständnis der "n+1"-Macher erzählt. Wodurch sie sich nicht von den anderen in den vergangenen Jahren aus dem Kraut geschossenen Medien unterscheiden.

Sieger am Diskursstammtisch

Der 2012 von der Princeton-Absolventin Uzoamaka "Max" Maduka gegründete "American Reader" etwa, dem so unterschiedliche Medien wie "Vice" und der "Economist" bescheinigen, am besten Weg zum ",Paris Review‘ des 21. Jahrhunderts" zu sein. Nach nicht einmal zehn Ausgaben hat das auf mattem Papier gedruckte Blatt den Ruf des neuen Kinds in der Nachbarschaft abgelegt. Das viermal im Jahr erscheinende Magazin, das optisch daherkommt wie der "New Yorker" circa 1928, müht sich nach Kräften, nicht nur jungen, sondern auch ethnischen Minderheiten angehörigen Schreibern Platz einzuräumen. Auch wenn sich der "Reader" ein wenig lockerer und offener gibt als die ernsthaften Herren von "n+1", besteht auch Madukas erklärtes Ziel darin, die Lufthoheit über die amerikanischen Diskursstammtische zu gewinnen.