Nikos Dimou ("Über das Unglück, ein Grieche zu sein") legt mit seinem neuesten Buch eine differenzierte Sicht auf Griechenland in zwölf platonischen Dialogen vor. Deren Lektüre muss man jedem ans Herz legen, der hinter das Klischee vom "Pleite-Griechen" blicken möchte. Wie wurden die Griechen, wie sie heute sind?

Nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft wurde von ihnen erwartetet, gleichzeitig von der deutschen Klassik idealisierte antike Hellenen als auch moderne Europäer zu werden, was zu einem Überlegenheits- und zugleich - wer wäre davon nicht überfordert? - zu einem Minderwertigkeitskomplex führte. Hinzu kamen eine seit der Antike großteils fremdbestimmte Geschichte und ein historisches Gedächtnis voller Traumata. Die großen gestaltenden Bewegungen der europäischen Geschichte wurden verpasst. Vom Westen importierte Institutionen wurden von den Griechen nicht anerkannt, was in einer Gesellschaft ohne gemeinsames Ziel resultierte, in der Partikularinteressen überwiegen - bis heute.

Das Aufeinanderprallen westlicher Rationalität mit griechischer Emotionalität bedarf einer Verständnis und Vertrauen schaffenden gemeinsamen Sprache. Die Griechen müssen ihre teils fremdinduzierte Verunsicherung ablegen, die Lösung ihrer Probleme nicht von anderen erwarten und endlich ihren unabhängigen Weg zu ihrer eigenen Identität gehen. Leider geraten die Modernisierer gegenüber isolationistischen Medien und populistischen Politikern zunehmend ins Hintertreffen.

Sachbuch

Die Deutschen sind an allem schuld

Nikos Dimou

Deutsch von Mario Mariolea

Kunstmann, 120 Seiten, 10,30 Euro