Michael Köhlmeier - © Foto: Irene Prugger
Michael Köhlmeier - © Foto: Irene Prugger

Alleine schon die Namen fügen sich elegant und werbewirksam zusammen: Chaplin und Churchill. Es spricht dennoch für den literarischen Feinsinn von Michael Köhlmeier, dass er im Titel darauf verzichtet, sie zu nennen. "Zwei Herren am Strand" - ein elegantes Understatement, das dem Inhalt gerecht wird, denn Churchill und Chaplin begegnen sich in diesem Roman - und wohl auch einst im realen Leben - nicht umgeben vom Pomp ihrer politischen bzw. künstlerischen Karrieren, sondern als Vertraute.

Zum ersten Mal treffen sie 1927 bei einer Party in Santa Monica zusammen und fühlen sich sofort seelenverwandt. Sie haben ja viele Gemeinsamkeiten: Beide sind arbeitswütige Perfektionisten mit diktatorischem Charakter, beide sind begnadete Künstler. Charlie Chaplin begeistert (und spaltet) die Kinobesucher als "The Tramp", Winston Churchill - der bedeutendste britische Staatsmann des 20. Jahrhunderts - wird 1953 den Literaturnobelpreis erhalten. Beide haben ein Vaterproblem und deshalb oft das Gefühl, nicht zu genügen. Beide stehen an einer Zeitenwende, die sie irritiert und ihre Flexibilität herausfordert. Und beide stellen sich Jahre später gegen Hitler - "der eine mit Lachen, der andere mit Krieg".

Bei diesem ersten Spaziergang am Strand aber versenken sie sich sofort in jenes Thema, das ihre Freundschaft künftig bestimmen wird: Selbstmord. Beide neigen zu manisch-depressiven Phasen, die Möglichkeit des allerletzten Ausweges ist für sie ein Trost, der das zeitweilige Ausgeliefertsein an den "schwarzen Hund Depression" etwas weniger bedrohlich erscheinen lässt. Um sich gegenseitig vom Suizid abzuhalten, schließen sie einen Pakt. Wenn es ernst wird und die beiden vielbewunderten Giganten sich ihre Ängste und düsteren Befindlichkeiten gestehen, hat das - auch für die Leser - etwas Komisches und schafft für die beiden Protagonisten Distanz und Erleichterung. Außerdem hilft ihnen die Schöpfungskreativität der Kunst über kritische Phasen hinweg.

Die Besuche des schwarzen Hundes sind allerdings häufiger als das Zusammentreffen der beiden Freunde, deshalb verfolgt der Roman in mehreren Kapiteln gesondert die biografischen Stränge von Churchill und Chaplin. Schelm Köhlmeier hat sichtlich Spaß daran, die Freiheit der literarischen Gattung Roman lustvoll zu nützen, indem er seinen Erzähler - ein Puppenspieler, dessen Vater in einer "Schule für Clowns" als Chaplin-Schüler auch Churchill begegnet sein und später mit William Knott, dem "very private Private Secretary to a very prime Prime Minister" in engem Briefkontakt gestanden haben soll - zum Teil erfundene Quellen zitieren lässt.

Historie und Fiktion vernetzen sich undurchschaubar, aber Köhlmeier hat gut recherchiert, man kann seiner literarischen Auslegung vertrauen. Deshalb ist es besser, statt kleinlich auseinander zu dividieren, sich der Intensität der Erzählung zu überlassen. Diese ergibt sich aus vielen wunderbaren Szenen, während der Duktus weitgehend um Sachlichkeit bemüht ist. Ein kluger Schachzug, die Poesie des Aufeinandertreffens zweier so faszinierender Persönlichkeiten in ihrer verwundbaren Privatheit durch Schlichtheit zu unterstreichen.

Obwohl der Roman dadurch über weite Stellen an ein Sachbuch erinnert, kommt Köhlmeiers erzählerische Brillanz dennoch zum Tragen - präzise, zurückgenommen, mit unfehlbarem Sinn für feine Pointen, sprachlich elegant. Und mit einer großen inneren Nähe zu den Protagonisten. Wie der Autor in einem Interview sagte: "Die beiden Männer sind mir beim Schreiben so nahe gekommen, dass ich mich immer wieder bei meiner Frau im Gespräch vergewissern musste, dass ich die beiden nicht kenne."

Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2014, 254 Seiten, 18,40 Euro.