Jean Améry war in mancher Hinsicht einmalig. Sein tragischer Freitod hat einiges dafür getan, dass man ihn nicht vergaß. Zu den besten Kennern von Amérys Werk gehört Hanjo Kesting, der nun so etwas wie die Summe seiner Beschäftigung mit dem Schriftsteller und Geistesmenschen vorgelegt hat. "Augenblicke mit Améry" ist zwar eine Kollek-tion von Aufsätzen und Essays, hat aber nichts von der inkohärenten Beliebigkeit, die vergleichbare Sammelbände auszeichnet.

Rund ein Jahr vor dem Suizid Amérys hatte der deutsche Literaturkritiker ihn persönlich kennen gelernt. In den dreieinhalb Jahrzehnten, die seitdem vergangen sind, beschäftigte sich Kesting intensiv mit dem zwischen Essay und Literatur oszillierenden Werk. Sein Band enthält sowohl erhellende Einblicke in die Persönlichkeit des tragischen Autors wie präzise Analysen seiner Bücher. Solch kluge Fürsprecher hat Améry verdient, so wie dieses Buch es verdient hat, gelesen zu werden als passioniertes Plädoyer für einen großen Autor.

Hanjo Kesting: Augenblicke mit Jean Améry. Essays und Erinnerungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2014, 270 Seiten, 23,60 Euro.