Provinzialismus findet man bekanntlich nicht nur in der Provinz. Ja, angesichts dessen, was hierzulande gemeinhin Kulturleben genannt wird, drängt sich die Vermutung auf, dass er in der Metropole am besten gedeiht. Das trifft im Allgemeinen auf die dortigen großen Institute zu (Burgtheater, Hofreitschule, Kü- niglberg), im Konkreten trifft es den Kärntner Schriftsteller Egyd Gstättner, und zwar persönlich.

Zu Recht empfindet er’s als provinziell, wenn ihm (was häufig geschieht) in der Bundeshauptstadt die Frage gestellt wird: Warum leben Sie noch in Klagenfurt? Gstättners Standardantwort: "Ich habe ein Haus und ich habe einen See." (In dem er, von Mai bis Oktober, regelmäßig zu schwimmen pflegt.) Außerdem hat er, nicht zu vergessen, Emma, seine einzigartige, unvergleichliche und unersetzbare Ehefrau.

Natürlich weiß Gstättner, ein kluger Kopf, um die abstoßenden Eigenschaften seines Heimatlandes. "Alle, alle sind sie aus Klagenfurt und Kärnten, Hintersiebenbergen und Hallodrien fortgegangen, um Rang und Namen zu bekommen. Auf Dauer disqualifiziert man sich ganz einfach, indem man dableibt. Haus und See und Grab: Na und? Die laufen ja nicht weg." Auch Gstättner läuft nicht weg. Wohin denn auch? Nach Wien? In die Hauptstadt des Provinzialismus? Nein, er bleibt Haus, Frau und See treu, bis ans Grab.

Denken und schreiben kann man überall, auch "am Fuß des Wörthersees": Dieses bei einer Ansprache des Klagenfurter Bürgermeisters aufgeschnappte bodenständige Sprachbild erhebt Egyd Gstättner zur Titelehre, selbstverständlich im Rahmen seiner eigenen Lebensansichten und Weltdeutungen, also in guter satirischer Absicht. Am Fuß des Wörthersees, genau gesagt: "exterritorial, in den Wolken, in einer 20-Quadratmeter-Republik im dritten Stock meines Geburts- und Sterbehauses", lebt Gstättner und schreibt in schöner Regelmäßigkeit ein Buch. Das jüngst erschienene enthält "Neue Nachrichten aus der Provinz". Darin geht es ihm (wie den meisten Autoren) um dreierlei: erstens um sich selbst, zweitens um die Literatur (sofern sie ihm zusagt oder ihn zum Widerspruch reizt), drittens um die Welt (sofern sie ihm zusagt oder ihn zum Widerspruch reizt).

Im Gegensatz zu jenen, die von weither nach Klagenfurt kommen, um die alljährliche Bachmannpreisveranstaltung zu erleben, hält Gstättner diese für durchaus entbehrlich, weil für ein "grundsätzlich böses-absurdes Wettlesen", und "immer - ironisch - das heißt: hoffnungslos" hat er "gefordert, den Bachmannpreis zu demontieren". Nicht weniger ironisch klingt sein Aufruf zur "Vorsicht vor den machtgermanistischen Metastasen", was sich vor allem auf das Robert-Musil-Institut bezieht. "Musil hat mit Klagenfurt nichts zu tun", klagt und zetert Gstättner, "Musil und Klagenfurt: Was für ein gigantischer Schwindel!"

Und auch sonst liegt, so klagt und zetert der Nachrichtenschreiber, in dieser Provinz vieles im Argen. "Die politische Führung, egal ob in Land oder Stadt, ist impertinent, inkompetent, skandalös, durchtrieben und unfähig. In Wirklichkeit wird die Stadt seit vielen Jahrzehnten von ein paar schwerreichen Familienclans gelenkt (ihr Reichtum ist kein erworbener, sondern ein von Generation zu Generation vererbter Grundstücksreichtum), die die Politik - drittklassige Figuren allesamt - in Geiselhaft genommen haben und darüber bestimmen, ob in dieser Kleinstadt etwas passiert, was passiert (falls etwas passiert), wie es passiert und wer dann etwas davon hat."

Aber so oder so ähnlich geht’s ja überall in der Welt zu. Da kann man wirklich gleich hierbleiben.

Egyd Gstättner: Am Fuß des Wörthersees. Picus Verlag, Wien 2014, 221 Seiten, 19,90 Euro.