Und plötzlich konfrontiert uns das Leben mit dem Tod. Was tun, wenn die Mutter uns verlässt, schwindet? Daniela Emminger setzt ihre Protagonistin Anni König dieser Erfahrung aus. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, das all die Jahre Ungesagte, Unausgesprochene nachzuholen, die Distanz einzufangen. Die Mutter, Karla König, ist im Endstadium einer Zuckerkrankheit: jeden zweiten Tag Dialyse, seit einigen Jahren blind, nach Brüchen beider Oberschenkel im Rollstuhl.

Im Einverständnis mit der Mutter entführt Anni sie von der Dialysestation auf eine Almhütte - dort werden Pläne geschmiedet, wie es weitergehen soll. Das Nachholen der Versäumnisse der Mutter entwickelt sich zu einem Trip - Bayern, Berlin, Lourdes.

Und das in trauter Gemeinsamkeit mit Berühmtheiten wie Albert Einstein, Hildegard von Bingen, Loriot. Ein Trip, auf dem nichts mehr zurückgestellt wird, auf dem abgerechnet wird: mit der Familie, der Liebe, dem Leben. Die Liste der Versäumnisse in einem Leben. "Ich wünschte, ich hätte meine Eltern besser gekannt. Ich wünschte, ich hätte ihnen mehr von mir erzählt. Ich wünschte, ich wäre früher nach Hause gefahren." Karlas erster Wunsch auf der Liste der Top-Five führt die beiden nach Amerang, den Ort der Kindheit, in Bayern.

Im Mittelpunkt steht immer die Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens. Damit, wie weit man bei der Unterstützung am Ende des Lebens gehen darf. Aktive Sterbehilfe, Beihilfe zum Suizid - eine Reise in die Niederlande oder die Schweiz wird angedacht.

Und wie ist es in der Realität? "Wenn man am Ende eine Wahl hatte, dann war es - bis auf wenige Ausnahmen - nämlich so, dass man leben wollte. Unbedingt. Jeder Grashalm war gut genug, um sich an ihm festzuhalten. (. . .) Der Drang zu überleben war größer als der Wunsch zu sterben."

Die österreichische Autorin Daniela Emminger hat mit ihrem zweiten Roman ein todernstes Thema aufgegriffen, das gerade in der derzeitigen politischen Debatte Sprengkraft hat. Es gelingt ihr, Annäherungen - sowohl der handelnden Personen als auch an das Thema - und Beziehungsgeflechte mit Leichtigkeit zu versehen. Ihrer Protagonistin fehlt jede Wehleidigkeit. Sie begibt sich mit Angst, aber gleichzeitig mit Offenheit in Situationen, die sehr schmerzvoll sind. Eine intelligente, kurzweilige und sehr tröstende Lektüre für alle, die Eltern, Kinder oder Freunde verloren haben. Aber auch sehr lehrreich für all jene, die einen sehr leichtfertigen Umgang mit dem Lebensende von Fremden pflegen. Und so nebenbei werden Betrachtungen über die Chaos-Theorie oder die Relativitätstheorie serviert - denn fast, so denkt man manchmal, handelt es sich um ein Gericht.

"Ein Leben lässt sich nur bedingt planen, berechnen und steuern. In gewisser Weise hat man von Anfang an keine Chance, dem eigenen Ende zu entkommen. Das alles war nur ein Kneten und Strecken und Falten auf Zeit."

Am 23. September, 19 Uhr, liest Daniela Emminger aus ihrem Buch in: Österreichische Gesellschaft für Literatur, Herrengasse 5, 1010 Wien.

Daniela Emminger: Schwund. Roman. Klever Verlag, Wien 2014, 184 Seiten, 19,90 Euro.