Im Banne des Dichters F. K.: Reiner Stach. - © Jürgen Bauer
Im Banne des Dichters F. K.: Reiner Stach. - © Jürgen Bauer

"Wiener Zeitung": Herr Stach, beginnen wir mit einem Gedankenspiel: Würde Kafka heute leben, wären Sie beide gute Freunde geworden?

Reiner Stach: Das hätte durchaus passieren können. Bestimmte Probleme, mit denen er zu kämpfen hatte, kenne ich aus meiner eigenen Biographie. Zum Beispiel, dass man auch als friedliebender, gelegentlich konfliktscheuer Mensch nicht anders kann als sich zu verhärten, um das tun zu können, woran einem am meisten liegt, und um die Selbstachtung nicht zu verlieren. Bei Kafka ergab sich daraus ein manchmal seltsames Wechselspiel von Zuvorkommenheit und Sturheit, für das ich das größte Verständnis habe.

Welche Eigenschaften Kafkas schätzen Sie, und welche mögen Sie nicht?

Was mir außerordentlich imponiert, ist diese Wahrhaftigkeit. Er ist unbestechlich, sowohl im Blick auf andere als auch im Blick auf sich selbst. Mir imponiert weiters, dass er es geschafft hat, aus bestimmten Schwächen Stärken zu machen. Die Bedingungen, unter denen er aufwuchs, waren ja nicht sehr gut. Er wurde nicht gefördert, wie er es aufgrund seiner Begabung gebraucht hätte. Er war ein verängstigtes Kind. Er kämpfte sich allmählich aus dieser defensiven Haltung heraus, entdeckte seine Begabung und machte sie produktiv. Das schafft nicht jeder.

Was mir weniger gefällt, ist seine ausgeprägte Tendenz zum Klagen. Er lässt einfach Dampf ab, indem er jammert. Seine Freunde sagten dann immer: Pack doch die Probleme an! Sie sahen zwar oft nicht, wie ernst die Probleme waren, mit denen er zu kämpfen hatte, hatten aber der Tendenz nach Recht. Er hat seine Freunde kaum je in seine innersten Konflikte eingeweiht.

Wie kamen Sie dazu, eine Biographie über Kafka zu schreiben?

Dieser Autor ist unerschöpflich. Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit Kafka und hatte nie das Gefühl, je an ein Ende zu kommen. Immer wieder tun sich neue Dimensionen auf, und immer wieder stößt man - vor allem im umfangreichen Nachlass - auf neue Überraschungen. Das ist faszinierend. Das ist wie ein literarischer Kosmos, den man bereisen kann und der keine Grenzen kennt. Mir ist Mitte der 1990er Jahre aufgefallen, dass es kaum Biographien zu Kafka gab, dafür aber jede Menge Literatur über sein Werk, über jeden nur denkbaren Aspekt seiner Texte. Aber niemand wagte sich an eine große Biographie. Und da war es verlockend, es einmal zu probieren.

Was wollten Sie anders machen als andere Biographen, beispielsweise Klaus Wagenbach, der 1958 die erste Biographie über Kafka nach Max Brod pu-bliziert hat?

Wagenbach ist insofern ein Sonderfall, als er als Erster unabhängig von Brod Material über Kafka gesammelt hat. Wagenbach hatte Kontakt zu rund 80 Zeitzeugen, über die er Informationen über die Prager Verhältnisse und über Kafka selbst einholen konnte. Wagenbachs Buch über Kafka ist weniger eine durchformulierte Biographie als vielmehr ein wichtiges Quellenwerk, und als solches hat Wagenbach es ja auch bezeichnet. Für mich ist es natürlich ein wichtiges Fundament gewesen. Spätere Biographien hatten lediglich einführenden Charakter.

Ich habe mich bemüht, nicht nur ein allgemeines Zeitpanorama zu entwerfen, sondern genau zu prüfen, in welcher Weise Kafka, seine Familie und seine Freunde von den Zeitumständen betroffen waren, seien es der Krieg, die ökonomischen Umstände, die damalige Medizin oder die nationalen Konflikte zwischen Deutschen und Tschechen. Das ist bei Kafka häufig nicht so einfach festzustellen, weil er in seinem Tagebuch wenig äußere Daten liefert. Das Tagebuch konzentriert sich auf seine Befindlichkeiten, sodass man Umwege einschlagen muss: etwa Memoiren von Klassenkameraden, Prager Schriftstellern oder anderen Menschen suchen, die ihm nahe waren. Tatsächlich gibt es solche Memoiren. Ich habe zudem die Tageszeitungen jener Zeit sehr intensiv studiert. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Arbeit an der Biographie so lange gedauert hat. Aber auf diese Weise konnte ich herausfinden, was Kafka direkt betroffen hat, etwa dass unmittelbar vor seiner Haustür gekämpft wurde.

Sie beginnen den aktuellen Band mit einer Schilderung der historischen Umstände rund um Kafkas Geburt. Wie organisieren Sie die immense Fülle an Informationen?

Das war nicht einfach. Die Zeit der Karteikästen ist ja vorbei. Meine Dissertation, die sich ebenfalls mit Kafka auseinandersetzt, habe ich noch mit Hilfe von Karteikarten verfasst. Heutzutage hingegen braucht man gut organisierte Datenbanken. Schon ab Mitte der 1990er Jahre habe ich mir eine Art Synopse angelegt, eine riesige Tabelle, der man entnehmen kann, was an jedem einzelnen Tag passiert ist. Auf der linken Seite habe ich eingetragen, welche autobiographischen Zeugnisse es von Kafka gibt - Tagebucheinträge, Briefe usw. -, in den beiden Spalten rechts davon ist vermerkt, was in Prag und in der "Kultur" passiert ist, also etwa welche Bücher publiziert oder welche Vorträge in Prag gehalten, welche Filme im Kino gezeigt wurden. Anders kann man die Übersicht über hunderttausende Details nicht bewahren. Diese Synopse war der Kern meiner Datenorganisation.